Graz im Zweiten Weltkrieg: Bombennächte und Wiederaufbau
Die schwere Zeit von 1938 bis 1945: Wie Graz zur 'Stadt der Volkserhebung' wurde, die Bombardierungen, der Schlossbergstollen und die Befreiung durch die Rote Armee.
Der 12. März 1938: Anschluss und Ehrenname
Am Abend des 11. März 1938 und in den Morgenstunden des 12. März marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein. In Graz waren bereits in den Wochen zuvor die nationalsozialistischen Strukturen gestärkt worden; die Stadt galt unter den größeren österreichischen Städten als Hochburg der NSDAP, die hier trotz Verbot zwischen 1933 und 1938 im Untergrund stark aktiv gewesen war. Als die deutschen Truppen in Graz einrückten, empfingen sie zehntausende Einwohner jubelnd am Hauptplatz, in der Herrengasse und auf den Ring- und Bahnhofsstraßen. Die wenigen Gegner des Anschlusses zogen sich in private Räume zurück oder emigrierten.
Adolf Hitler verlieh Graz 1938 den Ehrennamen "Stadt der Volkserhebung" - eine bewusste Auszeichnung für die Stadt, in der die Nationalsozialisten vor dem Anschluss besonders viel Zustimmung mobilisieren konnten. Dieser Titel ist bis heute eine schwere Hypothek im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Historiker wie Heimo Halbrainer, Gerhard Botz und das Kollektiv um den Verein CLIO haben diese Phase in zahlreichen Studien und Publikationen aufgearbeitet und zeigen, wie stark die Grazer Mitverantwortung an den Verbrechen des Regimes war. Die Arbeiten sind über die Publikationsreihe des Vereins CLIO zugänglich.
Die Eingemeindung "Groß-Graz" 1938
Mit dem Gesetz vom 15. Oktober 1938, wirksam zum 1. Jänner 1939, wurde die Gebietsreform "Groß-Graz" durchgesetzt. Zehn bis dahin selbständige Vorortgemeinden wurden in das Stadtgebiet eingemeindet: Liebenau, St. Peter, Waltendorf, Mariatrost, Ries, Andritz, Gösting, Eggenberg, Wetzelsdorf und Straßgang. Das Stadtgebiet wuchs dadurch von 21,6 Quadratkilometern auf rund 127 Quadratkilometer - nahezu um das Sechsfache. Die Einwohnerzahl stieg von etwa 160.000 auf über 200.000.
Hintergrund der Eingemeindung war die nationalsozialistische Vorstellung einer "Großstadt-Planung" mit zentralisierter Verwaltung — verbunden mit der Absicht, Grazer Einzugsgebiete für Rüstungsindustrie, Kasernen und Versorgungsinfrastruktur direkt der Stadtverwaltung zu unterstellen. In den folgenden Jahren wurde in Eggenberg, Puntigam und Andritz Rüstungsfertigung für die Wehrmacht ausgebaut, und die Grazer Waggon- und Maschinenfabrik stellte vollständig auf Militärproduktion um.
Verfolgung und Deportation der jüdischen Grazer
Graz hatte vor 1938 eine kleine, aber gut etablierte jüdische Gemeinde mit rund 2.000 Mitgliedern. Die Grazer Synagoge am Grieskai war 1892 im neobyzantinisch-romanischen Stil errichtet worden. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie von SS- und SA-Trupps in Brand gesteckt und vollständig zerstört. Jüdische Geschäfte in der Sporgasse, der Herrengasse und am Lendplatz wurden geplündert, Wohnungen verwüstet, Männer verhaftet und in das KZ Dachau deportiert.
In den folgenden Monaten und Jahren wurden die Grazer Juden systematisch enteignet, verfolgt und deportiert. Die meisten konnten bis 1940 noch emigrieren, oft unter Aufgabe ihres gesamten Vermögens; andere wurden später in Vernichtungslager verschleppt. Die Biografien der steirischen Opfer der NS-Gewaltherrschaft sind in der Opferdatenbank der Dokumentationsstelle des österreichischen Widerstandes dokumentiert. Die Datenbank verzeichnet über mehr als fünftausend Namen von steirischen Verfolgten, die meisten aus Graz und Umgebung.
Neben der jüdischen Bevölkerung wurden auch Roma und Sinti, politische Gegner, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und sogenannte "Asoziale" verfolgt. Die Gestapo-Leitstelle Graz, angesiedelt im Palais Tilli in der Parkstraße, war Zentrum dieser Verfolgung. Von dort wurden die Verhaftungsbefehle erteilt, die Verhöre durchgeführt und die Deportationen organisiert. Das Gebäude steht noch heute; an seinem Eingang erinnert seit 2011 eine Gedenktafel an die Opfer.
Widerstand in Graz
Organisierter Widerstand gegen das NS-Regime war in Graz schwierig. Die Gestapo war effizient, die Denunziation durch Nachbarn weit verbreitet, die Repression hart. Dennoch gab es Widerstandsgruppen, die auf unterschiedlichen Wegen agierten: kommunistische Zellen, katholische Gruppen, sozialdemokratische Untergrundnetzwerke, einzelne Militärs. Eine der bekanntesten Widerstandsgruppen war jene um Dr. Josef Krainer senior, der später nach 1945 Landeshauptmann werden sollte, und um Anton Kolig in Künstlerkreisen.
Die Arbeit von Historikern wie Heimo Halbrainer und dem Verein CLIO hat in den letzten Jahrzehnten umfangreiches Material über den steirischen Widerstand und seine Opfer zusammengetragen. Viele der Widerständler wurden verhaftet, verurteilt, ermordet oder in Konzentrationslager verschleppt. Ihre Namen stehen heute auf Gedenktafeln am Landhaushof, in der Karmeliterplatz-Kapelle, im Mahnmal des Befreiungskampfs im Stadtpark und an vielen anderen Orten der Stadt.
Der Bau des Schlossbergstollens ab August 1943
Mit der Intensivierung der alliierten Luftangriffe auf das Deutsche Reich ab 1942 wurde klar, dass auch Graz ein Ziel werden würde. Die Eisenbahnknotenpunkte, die Rüstungsindustrie und die Lage der Stadt an der Verbindungsachse zwischen Adria und südosteuropäischem Hinterland machten sie strategisch relevant. Am 9. August 1943 begannen die Grabungsarbeiten für ein Luftschutzstollensystem im Grazer Schloßberg, das Zehntausenden Menschen während der Bombenangriffe Schutz bieten sollte.
Die Stollen wurden in den Dolomitfelsen des Schloßbergs gesprengt und per Hand weitergetrieben. Beim Bau kamen neben deutschen Bauarbeitern auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zum Einsatz, viele aus der Sowjetunion und aus Italien. Die Arbeitsbedingungen waren schlecht, die Unfallrate hoch. Innerhalb weniger Monate entstand ein verzweigtes System aus mehreren Stollenabschnitten, das zahlreiche Eingänge besaß und eine Gesamtlänge von mehreren Kilometern erreichte. Das Fassungsvermögen wurde auf rund 40.000 Personen geschätzt - das entsprach einem Viertel der damaligen Grazer Bevölkerung.
Bei den späteren Bombenangriffen wurde der Schlossbergstollen zum wichtigsten Zufluchtsort der Grazer. Bei Fliegeralarm eilten Zehntausende in die Stollen, teilweise durch die unterirdische Verbindung von verschiedenen Seiten des Berges. Die Versorgung war improvisiert, es gab einfache Holzbänke, Notbeleuchtung und Ventilationsschächte. Heute werden Teile des Schlossbergstollens im Rahmen der "Grazer Märchenbahn" touristisch genutzt - einige Abschnitte sind öffentlich begehbar und vermitteln eine Vorstellung vom einstigen Ausmaß der Anlage.
Die Bombardierungen 1944 und 1945
Der erste schwere Luftangriff auf Graz erfolgte am 25. Februar 1944. Eine Formation der 15th US Air Force aus Italien griff Grazer Ziele an, hauptsächlich den Hauptbahnhof und die Grazer Waggon- und Maschinenfabrik in Eggenberg. Die Angriffe verursachten erhebliche Schäden an den Bahngeleisen, an Zugangsgebäuden und an Wohnblöcken in der Umgebung des Bahnhofs. Die Zahl der Toten lag bei rund 140 Personen.
Weitere Angriffe folgten im März, Mai und Oktober 1944. Der schwerste Angriff der gesamten Kriegszeit auf Graz ereignete sich am 1. Jänner 1945, als amerikanische Bomber die Bahnanlagen, die Rüstungsfabriken und das Stadtgebiet angriffen. Über 200 Menschen kamen dabei ums Leben, ganze Straßenzüge im Eggenberger Viertel und in der Umgebung des Hauptbahnhofs wurden zerstört. In der Folge bombardierten die Alliierten Graz insgesamt fünfunddreißig Mal, zuletzt Anfang Mai 1945 in den letzten Tagen vor Kriegsende. Die Gesamtzahl der Grazer Bombentoten wird auf rund 1.980 Personen geschätzt, die Zahl der zerstörten oder schwer beschädigten Gebäude auf mehr als 4.800.
Die Grazer Altstadt innerhalb der ehemaligen Befestigungslinie blieb im Vergleich glimpflich davon. Die Bomben trafen vorrangig Industrie-, Verkehrs- und Wohngebiete außerhalb des historischen Zentrums. Hauptplatz, Herrengasse, Sporgasse und die Renaissance-Innenhöfe blieben weitgehend intakt. Diese Tatsache war Jahrzehnte später eine der Voraussetzungen für die UNESCO-Welterbe-Eintragung der Altstadt im Jahr 1999.
Die letzten Kriegstage und die Befreiung
Im April 1945 rückte die Rote Armee über Ungarn nach Westen vor. Die 3. Ukrainische Front unter Marschall Fjodor Tolbuchin drängte die Wehrmacht zurück, und Anfang Mai stand die sowjetische Vorhut vor Graz. Die Wehrmachtsführung in der Stadt - insbesondere der Festungskommandant - bereitete zunächst Straßenkämpfe vor, doch unter Druck der Zivilverwaltung und des Katholischen Erzbischofs von Seckau wurde beschlossen, Graz kampflos zu übergeben. Am 7. Mai 1945 zogen die letzten Wehrmachtseinheiten ab, am 8. und 9. Mai 1945 rückten Einheiten der sowjetischen Roten Armee in Graz ein und übernahmen die Kontrolle.
Die Erleichterung der Grazer, dass die Bombardierungen und der Krieg zu Ende waren, mischte sich mit Angst vor den sowjetischen Besatzern. In den folgenden Wochen kam es in Graz und im Umland zu Übergriffen, Plünderungen und Vergewaltigungen durch Angehörige der Roten Armee - eine dunkle Seite der Befreiung, die erst in späteren Jahrzehnten in der öffentlichen Erinnerung ihren Platz fand. Gleichzeitig richteten die Sowjets eine funktionierende Militärverwaltung ein, sorgten für Nahrungsverteilung, Wiedereröffnung von Bäckereien und Milchläden und begannen mit dem Wiederaufbau der zerstörten Brücken und Gleisanlagen.
Die sowjetische Phase dauerte in Graz rund zweieinhalb Monate. Gemäß der Jaltaer Beschlüsse war die Steiermark der britischen Besatzungszone zugeteilt worden. Am 23. Juli 1945 rückten britische Panzerverbände in Graz ein und übernahmen die Verwaltung der Stadt von der Roten Armee. Die Sowjets zogen geordnet ab. Die Steiermark blieb bis zum Staatsvertrag 1955 britische Besatzungszone, und Graz war das Verwaltungszentrum dieser Zone. Offizielle Verwaltungsdaten zu dieser Phase sind im Stadtarchiv Graz und auf den offiziellen Seiten des Stadtarchivs zugänglich.
Die Bilanz: Opfer, Schäden, Spuren
Die Bilanz der Kriegsjahre für Graz ist erschreckend. Neben den rund 1.980 Bombentoten starben weitere Tausende Grazer an der Front, in Lagern, im Widerstand oder als Opfer der NS-Verfolgung. Schätzungen zur Gesamtzahl der Grazer Kriegstoten - militärische wie zivile - liegen bei rund 6.000 bis 8.000 Personen. Die materiellen Schäden waren immens: 4.800 zerstörte oder beschädigte Gebäude, zerstörte Bahnanlagen, unterbrochene Straßen- und Brückenverbindungen, ruinierte Fabriken und zehn Jahre Besatzung bis zum Wiederaufbau.
Spuren dieser Zeit sind in der heutigen Stadt noch sichtbar. Am Schlossberg führen Führungen in Teile des Luftschutzstollens. Die Synagoge am Grieskai wurde 2000 an historischer Stelle wiederaufgebaut und 2023 umfassend renoviert. Stolpersteine in der gesamten Altstadt erinnern an deportierte jüdische Grazer. Gedenktafeln am Landhaushof, an der ehemaligen Gestapo-Leitstelle in der Parkstraße und an vielen anderen Orten erinnern an den Widerstand und die Opfer. Das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus im Stadtpark, aufgestellt in den siebziger Jahren, sowie die alljährlichen Gedenkveranstaltungen am 8. Mai halten die Erinnerung wach. Die Grazer Gedenkkultur wird von der Stadt mit einem eigenen Referat betreut.
Die Aufarbeitung der Grazer NS-Vergangenheit ist ein langwieriger, unabgeschlossener Prozess. Noch 2021 wurden neue Stolpersteine verlegt, neue Forschungsarbeiten publiziert und neue Gedenkorte eingeweiht. Die Jahre 1938 bis 1945 haben Graz geprägt, und das Bewusstsein, wie tief die Stadt in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt war, ist in den letzten Jahrzehnten in der Grazer Gesellschaft gewachsen. Zwischen dem jubelnden Empfang der Wehrmacht 1938 und der Befreiung durch die Rote Armee 1945 liegen sieben Jahre, die die Stadt bis heute nicht verlassen haben.