GRAZ JOURNAL

Die Grazer Burg: 600 Jahre Residenz und Macht

Die Geschichte der Grazer Burg: Von der habsburgischen Residenz zum heutigen Regierungssitz. Mit Doppelwendeltreppe, Kaisersaal und gotischem Erker.

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Die Grazer Burg: 600 Jahre Residenz und Macht

Die ersten Anlagen im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert

Eine Burganlage an der heutigen Stelle ist ab dem frühen vierzehnten Jahrhundert urkundlich belegt, obwohl Teile der Substanz möglicherweise auf ältere Befestigungen zurückgehen. Die frühesten Anlagen waren noch keine Residenz im späteren Sinn, sondern Teil der städtischen Befestigung am nördlichen Stadttor, das gegen die Kalvarienwand und den Schloßberg aufgestellt war. In den Quellen taucht eine "veste" an dieser Stelle erstmals in den Jahren um 1300 auf, als die Markgrafen der Steiermark in Graz immer häufiger residierten.

Die eigentliche Residenzfunktion erhielt die Anlage nach dem Neuberger Teilungsvertrag von 1379, mit dem die habsburgischen Länder zwischen der albertinischen Linie (Wien) und der leopoldinischen Linie (Innerösterreich) aufgeteilt wurden. Graz wurde Residenz der Leopoldiner, und damit musste eine entsprechende höfische Anlage vorhanden sein. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Burg ausgebaut - zunächst aus wehrhaften Motiven, dann zunehmend auch als Repräsentationsbau eines Fürstenhauses, das seine Stellung innerhalb des Heiligen Römischen Reiches behaupten wollte.

Die Burg unter Friedrich III.

Der bedeutendste Habsburger Residenzherr der Burg im fünfzehnten Jahrhundert war Friedrich III. (1415-1493), der sich über seine dreiundfünfzigjährige Regierungszeit als römisch-deutscher König und später Kaiser phasenweise in Graz aufhielt. Friedrich ließ die Burg zwischen 1438 und den 1460er-Jahren erheblich erweitern und umbauen. Unter ihm entstanden neue Trakte, Kapellen, Wohnräume und Ökonomiegebäude. Friedrich gehörte zu den wenigen römisch-deutschen Herrschern, die ein eigenes Monogramm als persönliches Markenzeichen nutzten: die berühmten fünf Buchstaben A.E.I.O.U., die er an zahlreiche Bauten seiner Regierungszeit anbringen ließ und deren Bedeutung bis heute umstritten ist - die Interpretationen reichen von "Austriae est imperare orbi universo" (Österreich ist es bestimmt, die ganze Welt zu regieren) bis zu "Austria erit in orbe ultima" (Österreich wird bis ans Ende der Welt bestehen). An der Burg sind Reste von Friedrichs Monogramm noch heute zu erkennen.

Friedrich III. war kein Mann der spektakulären militärischen Erfolge, sondern ein kluger Taktiker, der die Positionen seines Hauses über Jahrzehnte verteidigte und gegen das Ende seiner Regierungszeit erheblich ausbaute. Er regierte länger als jeder andere römisch-deutsche König oder Kaiser; nur sein Nachnachfahre Franz Joseph regierte als Habsburger mit 68 Jahren noch länger. Friedrich starb 1493 in Linz und wurde im Wiener Stephansdom in einem monumentalen Grabmal aus rotem Salzburger Marmor beigesetzt.

Die gotische Doppelwendeltreppe von 1499

Der berühmteste und baukünstlerisch bedeutsamste Teil der Grazer Burg ist die gotische Doppelwendeltreppe, die Kaiser Maximilian I. - Friedrichs Sohn und Nachfolger - im Jahr 1499 errichten ließ. Die Treppe besteht aus zwei spiralförmigen Treppenläufen, die sich innerhalb eines gemeinsamen Turmhüllkörpers gegenläufig umeinander drehen und an bestimmten Punkten zusammenfinden, sich dann wieder trennen. Das optische Ergebnis ist faszinierend: Wer die Treppe hinaufgeht, kann gleichzeitig jemanden sehen, der von oben herabkommt, ohne dass die beiden Wege sich kreuzen.

Die Doppelwendeltreppe der Grazer Burg ist eines der wenigen erhaltenen Beispiele dieser speziellen Bauform im gesamten deutschsprachigen Raum. Technisch ist sie ein Meisterwerk spätgotischer Steinmetzkunst: Die einzelnen Treppenstufen wurden aus einem einzigen Stein geschlagen und sind so präzise gearbeitet, dass sie ohne modernen Mörtel zusammenhalten. Die Inschrift über dem Eingang bestätigt das Entstehungsjahr 1499 und nennt Kaiser Maximilian als Bauherrn. Die Treppe wurde später liebevoll "Gerechtigkeitstreppe" genannt, weil ihre Struktur ein Bild dafür sei, dass "die Gerechtigkeit niemals aus den Augen verloren werden darf". Sie ist heute das Highlight jeder Führung durch die Burg und ein wichtiger Stopp für Besucher der Grazer Altstadt. Weitere Informationen zur Doppelwendeltreppe und zu Führungen in der Burg finden sich unter Graz Tourismus.

Die Burg unter Ferdinand I. und den innerösterreichischen Habsburgern

Im sechzehnten Jahrhundert wurde Graz unter Erzherzog Ferdinand I. (ab 1521 Herr von Innerösterreich, später auch römisch-deutscher Kaiser ab 1558) und seinen Nachfolgern endgültig zur festen Residenzstadt der innerösterreichischen Linie der Habsburger. Die Burg wurde erneut erweitert, Innenräume neu ausgestattet, neue Trakte angebaut. In dieser Zeit entstand auch die enge Verbindung zwischen Burg, Dom und dem nahegelegenen Landhaus, die noch heute das Viertel um die Hofgasse prägt.

Der bedeutendste Innenraum der Burg aus der Renaissance ist der sogenannte "Hofgartentrakt", der im späten sechzehnten Jahrhundert errichtet wurde und ursprünglich den Blick in den Burggarten öffnete. Der Garten selbst wurde im neunzehnten Jahrhundert mehrfach umgestaltet und ist heute als Stadtpark - mit dem historischen Kern des früheren Burggartens - öffentlich zugänglich.

Ferdinand II. und die Gegenreformation

Erzherzog Ferdinand II. (1578-1637, Regent ab 1596, römisch-deutscher Kaiser ab 1619) nutzte die Grazer Burg als Residenz seiner frühen Regierungszeit. Von hier aus organisierte er die Gegenreformation in Innerösterreich, die ab 1598 die protestantischen Prediger aus Graz verbannte und die evangelischen Strukturen in der gesamten Region zerschlug. Ferdinand war streng katholisch erzogen und sah es als seine religiöse Pflicht, die Steiermark wieder vollständig für den Katholizismus zu gewinnen.

Nach seiner Wahl zum römisch-deutschen Kaiser 1619 verlegte Ferdinand den Regierungssitz schrittweise nach Wien, und Graz verlor seine Rolle als kaiserliche Hauptstadt. Die Burg blieb jedoch weiter habsburgisches Eigentum und wurde von Hofmeistern, Statthaltern und gelegentlich von den Herrschern selbst bei Besuchen genutzt. Das Mausoleum Ferdinands II. in der Burggasse, unmittelbar östlich der Burg, wurde ab 1614 nach Plänen von Giovanni Pietro de Pomis errichtet und nach dessen Tod 1633 von Pietro Valnegro fortgeführt. Die berühmte Innenausstattung mit Fresken und Stuckarbeiten entwarf Johann Bernhard Fischer von Erlach ab etwa 1687; die Fertigstellung des gesamten Ensembles zog sich bis 1714 hin. Das Mausoleum ist damit zwar nicht Teil der Burg im engeren Sinn, bildet aber mit ihr ein zusammenhängendes Residenzensemble.

Die Burg im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert

Nach dem Verlust der Residenzfunktion wurde die Grazer Burg nach und nach in eine Amts- und Verwaltungsanlage umgewandelt. Maria Theresia und Joseph II. nutzten einzelne Räume für die habsburgische Statthalterei, die Finanzverwaltung und die militärische Kommandantur. Die Einrichtung wurde im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts mehrfach verändert, prunkvolle Räume wurden schlichter gestaltet, manche Säle in Büros umgewandelt.

Im neunzehnten Jahrhundert, besonders unter Erzherzog Johann, der von 1850 bis 1858 Bürgermeister von Stainz war, wurde die Burg weiter umgestaltet. Johann selbst wohnte nicht in der Burg, sondern im Palais Meran in der Leonhardstraße, doch er nutzte die Burg für offizielle Empfänge und Amtshandlungen. Mit der Monarchiereform 1848/49 und der Einführung konstitutioneller Elemente wurde die Burg zunehmend zum Sitz der steiermärkischen Landesverwaltung. Diese Funktion hat sie bis heute behalten.

Die Burg als Sitz der Landesregierung seit 1919

Mit dem Ende der Monarchie 1918 gingen die habsburgischen Residenzen in das Eigentum der Republik Österreich über. Die Grazer Burg wurde 1919 der Steiermärkischen Landesregierung als Amtssitz zugewiesen. Der Landeshauptmann residiert seither in der Burg, die Landesregierung tagt in einem der historischen Säle, und die Amtsräume des Landesamtsdirektors sowie der Landesräte sind in der Burg untergebracht. Offizielle Informationen zur aktuellen Nutzung der Burg und zum Amtssitz des Landeshauptmanns sind unter den Informationsseiten des Landes Steiermark zu Landhaus und Burg zu finden.

Die Burg hat als Regierungssitz einen besonderen Status: Sie ist einerseits Verwaltungsgebäude und muss den Anforderungen einer modernen Regierungstätigkeit entsprechen, andererseits ist sie als Denkmal des Grazer UNESCO-Welterbes unter strengem Schutz. Sanierungen, Umbauten und Renovierungen müssen mit dem Bundesdenkmalamt und der Welterbe-Koordination der Stadt abgestimmt werden. In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Räume behutsam saniert, Wandmalereien freigelegt und historische Ausstattungen rekonstruiert.

Der Burggarten und seine Geschichte

Zum Ensemble der Grazer Burg gehört historisch der Burggarten, der im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert als fürstlicher Lustgarten angelegt wurde. Ursprünglich erstreckte er sich weit nach Osten in Richtung der heutigen Goethestraße. Mit der Schleifung der Stadtbefestigung ab 1784 und den späteren Umgestaltungen wurde der Burggarten schrittweise in den öffentlichen Stadtpark integriert. Heute bildet der ehemalige Burggarten den westlichen Teil des Grazer Stadtparks mit seinem alten Baumbestand, den Wegen und den historischen Skulpturen.

Ein Relikt des alten Burggartens ist das Burgtor, das die Verbindung zwischen Burg und Stadtpark markiert. Das Tor stammt aus dem späten sechzehnten Jahrhundert und wurde im achtzehnten Jahrhundert umgestaltet. Von hier aus führt ein Weg direkt zum Kaiser-Josef-Platz mit dem Reiterstandbild von 1897 und zum Wochenmarkt.

Architektonische Merkmale: Wahrnehmung und Gestaltung heute

Die heutige Grazer Burg ist kein einheitlicher Bau, sondern ein Ensemble aus Bauabschnitten verschiedener Epochen. Das ursprünglich spätmittelalterliche Kerngebäude ist noch erkennbar an der Straßenfront in der Hofgasse mit den schweren Mauern und kleinen Fenstern. Die Renaissance-Erweiterungen des sechzehnten Jahrhunderts zeigen sich in den Arkaden des inneren Hofs und in einigen Fenstereinfassungen. Der Hauptraum mit der Doppelwendeltreppe ist gotisch und stammt aus dem Jahr 1499. Die Barockisierung des achtzehnten Jahrhunderts hat sich vor allem an den Innenräumen und an einigen Fassadenelementen niedergeschlagen, während der neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert mit Sanierungen, Erweiterungen und historisierenden Wiederherstellungen weitere Spuren hinterlassen haben.

Im inneren Burghof, der zum Teil öffentlich zugänglich ist, stehen alte Linden, ein Brunnen und Reste einer alten Torbogenanlage. Von hier aus führt der Weg zur Doppelwendeltreppe, die von allen Besuchern der Burg besichtigt werden kann. Die Treppe ist in der Regel täglich während der Amtszeiten der Landesregierung geöffnet. Weiterführende Informationen zur Besichtigung und zu organisierten Führungen liefern die Seiten der Stadt Graz zur Burg als historische Sehenswürdigkeit.

Ereignisse, Besucher und kleine Geschichten

Die Grazer Burg war im Laufe der Jahrhunderte Schauplatz zahlreicher politischer, dynastischer und kultureller Ereignisse. Hochzeiten von Habsburger Familienmitgliedern, die Ankunft fremder Gesandtschaften, die Unterzeichnung von Verträgen, Empfänge und Feste prägten die Geschichte des Hauses. Johannes Kepler, der große Astronom, war in Graz zwischen 1594 und 1600 als Lehrer tätig, und obwohl er nicht in der Burg wohnte, betrat er sie vermutlich mehrfach, um bei Hofe zu empfangen oder um wissenschaftliche Aufgaben zu übernehmen.

Im zwanzigsten Jahrhundert war die Burg Schauplatz der dramatischen Ereignisse der österreichischen Innenpolitik. 1938 zog die NS-Landesleitung in Teile der Burg ein; 1945 wurde das Haus von der Roten Armee besetzt; ab Juli 1945 diente sie der britischen Besatzungsverwaltung, und ab 1955 nahm die wiederhergestellte Landesregierung ihre volle Tätigkeit wieder auf. Nach 1955 wurden die Kriegsschäden saniert, beeinträchtigte Wandmalereien wiederhergestellt und die historischen Säle für ihre neue staatliche Funktion adaptiert.

Wer heute die Grazer Burg betritt - sei es als Tourist, als Besucher einer Ausstellung oder als Amtsbesucher - sollte sich bewusst sein, dass er an einem der bedeutendsten historischen Orte der inneren österreichischen Geschichte steht. Sechshundert Jahre Habsburger, innerösterreichische Hauptstadt, Gegenreformation, Besatzungszeit und moderne Landesverwaltung haben hier ihre Spuren hinterlassen. Die Doppelwendeltreppe von 1499 ist dabei nur das sichtbarste Symbol einer Geschichte, die die gesamte Stadtgeschichte von Graz berührt.

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