GRAZ JOURNAL

Die verschwundenen Stadtmauern von Graz

Einst war Graz eine Festung: Stadtmauern, Bastionen und Gräben. Was davon geblieben ist und wo Sie die Spuren heute noch finden.

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Die verschwundenen Stadtmauern von Graz

Die mittelalterliche Mauer: Die Anfänge im dreizehnten Jahrhundert

Die ältesten Befestigungen von Graz gehen ins zwölfte und frühe dreizehnte Jahrhundert zurück. Ab 1189, dem Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung als "civitas", begann die Siedlung am Fuß des Schloßbergs, sich mit einer einfachen Holz-Erd-Befestigung zu umschließen. Im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts wurde diese durch eine Steinmauer ersetzt, die den inneren Stadtkern zwischen Sackstraße, Hofgasse und Murufer umzog. Die Mauer war zunächst bescheiden in Höhe und Stärke, wurde aber immer wieder verstärkt, insbesondere nach den ersten Türkenkriegen des fünfzehnten Jahrhunderts.

Die wichtigsten Tore der mittelalterlichen Stadt waren das Sacktor im Norden (heute Sackstraße zum Schloßbergplatz), das Paulustor im Osten (Paulustorgasse), das Eiserne Tor im Süden (heute Jakominiplatz) und das Murtor im Westen (bei der heutigen Murbrücke). Jedes Tor war verteidigt durch einen Vorbau, eine Zugbrücke und eine Falltür. Die Stadtmauer selbst war mit regelmäßig angebrachten Wehrtürmen ausgestattet, die als Beobachtungs- und Verteidigungspunkte dienten.

Im fünfzehnten Jahrhundert, insbesondere während der Einfälle der osmanischen Streifkommandos in den Jahren 1480 und 1532, zeigte sich die Notwendigkeit einer massiven Modernisierung der Befestigung. Die mittelalterlichen Mauern waren gegen Steinkugeln und frühe Artillerie nicht mehr stark genug. Unter Kaiser Friedrich III. und Maximilian I. begannen erste Verstärkungsarbeiten, die aber nur halbe Maßnahmen blieben. Der eigentliche Umbau zur bastionären Festung erfolgte ab dem sechzehnten Jahrhundert unter den innerösterreichischen Habsburgern.

Die Bastionen und die Festung der frühen Neuzeit

Zwischen 1544 und etwa 1600 wurde die Grazer Stadtbefestigung unter Leitung italienischer Festungsbaumeister in eine moderne bastionäre Anlage umgebaut. Die wichtigsten Architekten waren Domenico dell'Allio, Franz von Poppendorf, Andrea Lantier und spätere italienische Ingenieure. Die gotischen Mauern wurden durch massive Erdwälle mit gemauerten Außenschichten ersetzt. An strategisch wichtigen Punkten wurden spitzwinklige Bastionen vorgebaut, die eine flankierende Verteidigung mit Artillerie ermöglichten. Vor der Mauer entstand ein breiter, teilweise mit Wasser gefüllter Graben.

Das Grazer Bastionssystem umfasste etwa ein Dutzend Bastionen und Ravelins (dreieckige Vorwerke), die im Schutz der Stadtmauer lagen und die Angreifer von mehreren Seiten unter Feuer nehmen konnten. Zu den wichtigsten Werken zählten die Karmeliterbastion im Osten, die Paulus-Tor-Bastion, die Burgbastion im Norden und die Mur-Bastion im Westen. Der Schloßberg war in das System eingebunden und bildete die natürliche Festung im Norden der Stadt. Er trug Kanonenterrassen, eine Garnison und - als eines der ältesten Bauwerke - den Uhrturm und den Glockenturm, die beide bis heute erhalten sind.

Die Befestigung zeigte sich im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Türkenkrieg (1683-1699) bewährt: Graz wurde nie belagert oder eingenommen, und die osmanischen Streifscharen, die in den 1690er-Jahren durch die Obersteiermark zogen, machten einen weiten Bogen um die Stadt. Die Grazer Befestigung blieb bis ins späte achtzehnte Jahrhundert militärisch intakt, auch wenn sie den modernen Geschützen der napoleonischen Ära nicht mehr wirklich gewachsen war.

Das Eiserne Tor und das Paulustor

Das berühmteste Tor der Grazer Stadtbefestigung war das Eiserne Tor (porta ferrea) im Süden der Stadt, am heutigen Jakominiplatz gelegen. Es bestand aus einem massiven rundtorförmigen Vorbau mit schweren Eisenbeschlägen - daher der Name - und war das wichtigste Verkehrstor der Stadt. Über das Eiserne Tor verließ man Graz in Richtung Süden, also in Richtung Slowenien, Ungarn und Adria. Der Platz vor dem Tor war Markt- und Sammelplatz für Händler, Fuhrleute und Reisende, und das "Eiserne Tor" als Ortsbezeichnung hat bis heute überlebt.

Das Paulustor im Osten der Stadt, am heutigen Ende der Paulustorgasse, war ein weiteres wichtiges Stadttor. Es öffnete sich in Richtung des Stadtparks und der östlichen Vorstädte. Das heutige Paulustor, das als Bauwerk erhalten ist, ist allerdings nicht das ursprüngliche Stadttor, sondern ein Nachfolgebau aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Auch das Burgtor, das die Verbindung zwischen der Burg und dem Stadtpark markiert, ist noch in Teilen erhalten.

Das Sacktor im Norden der Stadt stand am Übergang von der Sackstraße zum Schloßbergplatz. Es wurde 1836 abgebrochen, und die Sackstraße öffnet sich heute ohne Tor in die Altstadt. Das Murtor im Westen, bei der heutigen Murgasse und Murbrücke, ist ebenfalls nicht mehr erhalten.

Die Schleifung ab 1784

Unter Kaiser Joseph II., der als Aufklärer und Modernisator die Monarchie reformieren wollte, wurde 1784 der Abbruch der Grazer Stadtbefestigung verfügt. Die Gründe waren militärisch, städtebaulich und finanziell. Militärisch war die Befestigung veraltet; eine moderne Armee mit ihrer schweren Artillerie hätte die Wälle in wenigen Tagen bezwingen können. Städtebaulich war die Mauer ein Hindernis für das Wachstum der Stadt, das im späten achtzehnten Jahrhundert bereits über die Befestigungslinien hinaus drängte. Finanziell waren die Instandhaltung der Wälle, der Bastionen und der Gräben eine ständige Belastung für den habsburgischen Haushalt.

Der Abbruch erfolgte schrittweise. Der Adelige Kaspar Andreas Ritter von Jacomini erwarb bereits 1784 große Flächen südlich des Eisernen Tors, auf denen er in den folgenden Jahrzehnten die "Jakominivorstadt" - den späteren sechsten Grazer Bezirk Jakomini - anlegen ließ. Seine Initiative gilt als eines der ersten bürgerlichen Stadterweiterungsprojekte im Habsburger Reich. Auf dem geschleiften Boden entstanden regelmäßige Straßenraster, gründerzeitliche Wohnhäuser und Geschäfte.

Der Abbruch der Wälle und Bastionen zog sich durch mehrere Jahrzehnte. Die Napoleonischen Kriege verzögerten das Vorhaben. 1809 besetzten französische Truppen unter Marschall Macdonald Graz und zwangen die Grazer, den Uhrturm und Glockenturm auf dem Schlossberg mit städtischen Mitteln freizukaufen, während die übrigen Befestigungsanlagen auf dem Schlossberg weitgehend gesprengt wurden. Die napoleonische Zerstörung des Schlossbergs 1809 ist eine der einschneidendsten Ereignisse der Grazer Baugeschichte - sie beraubte den Berg seiner Festungsanlagen und reduzierte ihn auf die beiden heute noch sichtbaren Türme.

Die napoleonische Zerstörung des Schlossbergs 1809

Nach der Niederlage Österreichs gegen Napoleon und dem Frieden von Schönbrunn vom Oktober 1809 wurde im Vertragswerk festgehalten, dass die österreichischen Festungen demilitarisiert werden sollten. Die Franzosen ließen die Befestigungen auf dem Schlossberg - die massiven Mauern, die Bastionen, die Kanonenplattformen, das Zeughaus und die Kasernen - systematisch zerstören. Die Sprengungen dauerten mehrere Wochen, und der Grazer Bevölkerung blieben aus dem Befestigungssystem nur noch der Uhrturm und der Glockenturm, die durch eine Geldsumme von den Franzosen freigekauft wurden.

Die Geschichte dieses Freikaufs ist in der Grazer Erinnerung tief verwurzelt. Die Grazer Bürgerschaft sammelte die Summe von 2.987 Gulden und 11 Kreuzern, um Uhrturm und Glockenturm vor der Sprengung zu bewahren. Die beiden Türme, die seither als Wahrzeichen der Stadt gelten, sind damit die letzten erhaltenen Teile der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schlossbergbefestigung. Der Uhrturm ist der weit bekanntere und mit seiner charakteristischen spätrenaissance-zeitlichen Holzgalerie ein internationales Symbol von Graz. Informationen zur Geschichte des Schlossbergs und seiner Türme finden sich auf den offiziellen Seiten der Stadt Graz zum Schlossberg.

Die Entstehung des Stadtparks auf den geschleiften Glacis-Flächen

Zwischen 1860 und 1870 wurde auf dem Gebiet des ehemaligen Glacis - des vorgelagerten Festungsvorfelds östlich der Stadtmauer - der Grazer Stadtpark angelegt. Er ist damit einer der ältesten bürgerlichen Landschaftsgärten Österreichs außerhalb Wiens. Der Park erstreckt sich über rund 13 Hektar und reicht vom Burgring im Norden bis zum Opernring im Süden. Seine Anlage folgte dem englischen Landschaftsgartenstil mit geschwungenen Wegen, weitläufigen Rasenflächen, altem Baumbestand und verstreuten architektonischen Elementen wie Pavillons, Brunnen und Skulpturen.

Der Stadtpark war von Anfang an ein Ort der bürgerlichen Freizeitkultur. Das Café Stadtpark, das 1872 eröffnete und bis heute besteht, war Treffpunkt der Grazer Gesellschaft. Im Pavillon des früheren Café-Hauses gründete 1959/1960 eine Gruppe junger Künstler und Intellektueller das Forum Stadtpark, das in den folgenden Jahrzehnten zum Zentrum der österreichischen Avantgarde wurde. Der Stadtpark ist heute eines der beliebtesten Naherholungsgebiete der Grazer und gehört zur Pufferzone des UNESCO-Welterbes.

Was heute noch sichtbar ist

Von den umfangreichen Befestigungsanlagen der Vergangenheit ist nicht viel übrig geblieben, aber die Spuren sind vorhanden, wenn man danach sucht. Der Uhrturm und der Glockenturm auf dem Schlossberg sind die spektakulärsten Zeugnisse und für Besucher jederzeit erreichbar - entweder über den Schlossbergplatz mit der Standseilbahn oder zu Fuß über die historische Schlossbergstiege (260 Stufen). Die offizielle Darstellung der Grazer Welterbestätte beim Bundesdenkmalamt nennt den Schlossberg und seine historische Substanz als wichtige Komponente des Welterbes.

Am Paulustor, heute im östlichen Abschnitt der Sporgasse, sind Reste der alten Stadtmauer und des Stadttors erhalten. Das Paulustor selbst wurde im neunzehnten Jahrhundert umgebaut, doch die Mauerreste in der Paulustorgasse geben einen Eindruck von der ehemaligen Substanz. Im Burggarten und entlang der Hofgasse lassen sich Fundamente alter Mauern und Bastionen erkennen, wenn man die Gebäude von hinten betrachtet. Das Landesarchiv Steiermark verwahrt historische Pläne der Befestigung, die das System in seiner Vollgestalt vor der Schleifung dokumentieren.

Ein besonderes Zeugnis der Befestigungsgeschichte ist der sogenannte Karmeliterhof am Karmeliterplatz, auf dessen Grund ursprünglich die Karmeliterbastion stand. Der Name "Karmeliterplatz" erinnert an das Karmeliterkloster, das im sechzehnten Jahrhundert dort stand, aber auch die topografische Lage zeigt noch die Form der ehemaligen Bastion. Ebenfalls aufschlussreich ist die Struktur der Grazer Straßen in der Inneren Stadt: Die Ringstraßen Burgring, Opernring und Joanneumring folgen dem Verlauf der ehemaligen Wälle und Gräben. Wer diesen Straßen folgt, geht im Grunde auf dem Außenrand der alten Festung.

Museal dokumentiert: Karten, Stadtansichten, Münzen

Die Grazer Stadtbefestigung ist in zahlreichen historischen Karten, Stadtansichten und Kupferstichen dokumentiert. Die berühmteste Darstellung ist der Grazer Stadtplan von Georg Matthäus Vischer aus dem Jahr 1670, der die Stadt mit ihren Bastionen, Gräben und Vorwerken zeigt. Vischer war ein Kartograf und Kupferstecher, der im Auftrag der innerösterreichischen Landstände eine ganze Sammlung steirischer Ortsansichten anfertigte. Sein Plan von Graz ist die wichtigste bildliche Quelle zur Festungsgestalt der Stadt im siebzehnten Jahrhundert und wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach in wissenschaftlichen Publikationen und Ausstellungen verwendet.

Weitere historische Darstellungen finden sich in den Sammlungen des Universalmuseums Joanneum, insbesondere in der Abteilung Geschichte und Kulturgeschichte. Auch die Landesbibliothek und das Stadtarchiv verfügen über umfangreiche Bestände an Planmaterial, Kupferstichen, Lithographien und Fotografien aus dem neunzehnten Jahrhundert, die die letzten Phasen der Befestigung vor dem endgültigen Abbruch dokumentieren. Das kulturgeschichtliche Museum des Universalmuseums am Sackstraße-Standort zeigt in Wechselausstellungen Teile dieser Bestände.

Die Erinnerung an die verschwundenen Stadtmauern lebt auch in der Grazer Topografie weiter. Straßennamen wie Burgring, Opernring, Glacisstraße und Joanneumring verweisen direkt auf die ehemalige Befestigung und das Glacis-Vorfeld. Wer durch die Grazer Altstadt geht und diese Namen bemerkt, spaziert im Grunde genommen über den gelöschten Plan einer Festungsstadt, die einmal so dicht umschlossen war wie wenige andere Residenzstädte der Habsburger.

Das Ende der Befestigung als Chance der Stadterweiterung

Die Schleifung der Grazer Stadtbefestigung zwischen 1784 und 1860 bedeutete den Verlust einer historischen Substanz — und zugleich die Voraussetzung für das Wachstum der Stadt im neunzehnten Jahrhundert. Ohne die Abtragung der Mauern und Bastionen hätte Graz die starken Bevölkerungs- und Wirtschaftsgewinne der Gründerzeit nicht bewältigen können. Auf den geschleiften Flächen entstanden die Ringstraßen, der Stadtpark, die Jakominivorstadt und die ersten modernen Wohnviertel, die bis heute das Gesicht der inneren Stadterweiterung prägen.

In diesem Sinn ist die Grazer Befestigung zugleich verlorene Vergangenheit und notwendiger Rahmen, aus dem die moderne Stadt herausgewachsen ist. Ihre Reste - der Schlossberg mit Uhr- und Glockenturm, die Paulustor-Reste, die Burgmauern, die topografischen Spuren in den Ringstraßen - sind die Knochen einer ehemaligen Festung, auf denen die spätere Stadt ihre Muskeln und ihre Haut entwickelt hat. Wer heute durch Graz geht und diese Spuren liest, versteht die Substanz des Welterbes besser: nicht als statisches Museum, sondern als Ergebnis jahrhundertelanger Transformation zwischen Wehrhaftigkeit, Aufklärung und bürgerlicher Moderne.

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