Der Landhaushof: Italienische Renaissance in Graz
Der Landhaushof ist eines der bedeutendsten Renaissance-Bauwerke nördlich der Alpen. Die Geschichte des Meisterwerks von Domenico dell'Allio und seine Bedeutung.
Der historische Hintergrund: Die Innerösterreichischen Stände
Um die Entstehung des Landhaushofs zu verstehen, muss man die Rolle der Stände im Heiligen Römischen Reich kennen. Die Stände - also Adel, Klerus und Bürgertum - waren im sechzehnten Jahrhundert mächtige politische Organe, die gemeinsam mit dem Landesherrn über Steuern, Gesetze und Verteidigung entschieden. In der Steiermark, wie in vielen anderen Ländern der Monarchie, trafen sich die Stände in einem eigenen Gebäude zu ihren Landtagsversammlungen. Dieses Gebäude nannte sich "Landhaus", weil es das Haus des "Landes" im Sinne der Stände war.
Die steiermärkischen Stände besaßen bereits im späten Mittelalter ein Landhaus an der Herrengasse, ein zunächst einfacheres Gebäude aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, das jedoch den repräsentativen Ansprüchen des sechzehnten Jahrhunderts nicht mehr genügte. Als die osmanische Bedrohung zunahm und die innerösterreichischen Länder mehr politische Eigenständigkeit entwickelten, entschieden die Stände, ein neues, zeitgemäßes Landhaus zu errichten, das gleichzeitig Versammlungsort, Verwaltungszentrum und Symbol der ständischen Macht sein sollte. Die Entscheidung fiel Mitte der fünfziger Jahre des sechzehnten Jahrhunderts.
Domenico dell'Allio - der Architekt aus Lugano
Die Wahl des Architekten fiel auf Domenico dell'Allio (1505-1563), einen aus Scaria in der Val d'Intelvi (zwischen Comer See und Luganersee) stammenden Baumeister, der seine Karriere in Italien begonnen hatte und zur Zeit des Landhaus-Auftrags bereits ein etabliertes Mitglied der norditalienischen Architektenschule war. Dell'Allio war auch als Militäringenieur tätig und hatte sich in Graz durch Aufträge zur Modernisierung der Stadtbefestigung einen Namen gemacht. Seine Kenntnisse der italienischen Renaissance - speziell der Lombardei und Venetiens - waren in Mitteleuropa gefragt, denn die italienische Architektur galt damals als Maßstab eleganter Baukunst.
Dell'Allio entwarf das neue Landhaus in Form eines rechteckigen Baus mit einem zentralen Innenhof, umlaufenden Arkaden auf drei Geschossen und einem sorgfältig abgestimmten Proportionsgefüge. Die Grundsteinlegung erfolgte 1557, die Bauarbeiten zogen sich bis 1565 hin - Dell'Allio erlebte die Vollendung seines Meisterwerks nicht mehr: Er starb 1563, zwei Jahre vor Fertigstellung des Hauptbaus. Sein Gehilfe und Nachfolger, Pietro Paolo Monterone, führte das Werk zu Ende und ergänzte einige Details, die Dell'Allio begonnen hatte.
Die Architektur: Arkaden, Proportionen, Details
Der Landhaushof ist ein nahezu quadratischer Innenhof, umgeben von umlaufenden, dreigeschossigen Arkadengängen. Jede der drei Etagen trägt zehn Arkadenbögen je Seite, die auf toskanischen und ionischen Säulen ruhen. Die Säulen sind aus lokalem Sandstein gefertigt, sorgfältig profiliert und in ihren Proportionen exakt auf die Maße der Arkadenbögen abgestimmt. Die Gesamtwirkung ist geprägt von einer streng geometrischen Ordnung, die in der italienischen Renaissance-Architektur als Ideal galt.
Besonders bemerkenswert ist die Doppelarkade im Erdgeschoss, die breite, offene Durchgänge ermöglicht und den Hof mit den umgebenden Räumen verbindet. Die Stufen zwischen den Etagen sind aus demselben Material wie die Säulen gefertigt und fügen sich nahtlos in die Gesamtkomposition ein. An einigen Stellen finden sich Relieffelder mit heraldischen Motiven der innerösterreichischen Stände - Wappen der Adelsfamilien, Embleme der Landstände, Initialen der wichtigsten Auftraggeber. Diese Details sind in der Regel aus Sandstein oder Stuck gefertigt und wurden im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert mehrfach restauriert.
Der architektonische Entwurf dell'Allios folgt klassischen Prinzipien der lombardischen und venezianischen Renaissance-Schule. Vergleichbare Bauten sind der Innenhof des Palazzo Farnese in Rom, Teile des Palazzo Ducale in Mantua und einige Villen Andrea Palladios im Veneto. Im deutschsprachigen Raum gibt es kaum Parallelen in vergleichbarer Qualität - der Landhaushof gilt als das wichtigste und schönste Renaissance-Ensemble nördlich der Alpen, zumindest was die Innenraumgestaltung betrifft. Weitere Informationen zum Landhaushof und seinen kunsthistorischen Bezügen bietet das Bundesdenkmalamt in seinen Beschreibungen der Grazer Welterbestätte.
Der Brunnen des Thomas Auer
Im Zentrum des Landhaushofs steht ein bronzener Renaissance-Brunnen, der zwischen 1589 und 1590 vom Erzgießer Thomas Auer aus Augsburg gegossen wurde. Der Brunnen zeigt auf der zentralen Säule eine Figur, umgeben von wasserspeienden Delphinen, mythologischen Motiven und heraldischen Darstellungen. Die Bronzearbeit gilt als eines der wichtigsten Beispiele des Augsburger Metallhandwerks dieser Epoche und war eine der höchsten technischen Leistungen der Zeit.
Der Brunnen ist dekoratives Element und zugleich technisches Zeugnis der frühneuzeitlichen Wasserversorgung. Das Wasser wurde aus Rohren zugeleitet, die vermutlich aus den umliegenden Quellen der Stadt gespeist wurden. Der Brunnen war während seiner Funktionstätigkeit Versorgungsstelle für die in und um das Landhaus arbeitenden Bediensteten, Gesandten und Besucher. Heute steht er als historisches Denkmal im Hof und wird bei Festlichkeiten und Empfängen als Kulisse genutzt.
Die Landstube und die Landtagssäle
Im Inneren des Landhauses befinden sich die wichtigen repräsentativen Räume, in denen der steiermärkische Landtag tagte. Die bedeutendste ist die sogenannte "Landstube", ein großer Versammlungssaal mit einer holzgetäfelten Decke, Wandmalereien und einer sorgfältig inszenierten Sitzordnung für die Abgeordneten. Die Decke der Landstube ist mit ornamentalen Mustern und allegorischen Darstellungen aus der Renaissance-Zeit bemalt, die Wandmalereien stammen teilweise aus späteren Umgestaltungen.
Neben der Landstube gibt es weitere Landtagssäle, Kanzleiräume, Archive und Wohnbereiche für die Stände und ihre Bediensteten. Das Landhaus war über Jahrhunderte ein komplexer Verwaltungsapparat, in dem Adel, Bürgertum und Klerus über Steuern, Gesetze und die Verteidigung des Landes berieten. Die Einrichtung vieler Räume hat sich im Lauf der Zeit verändert, einige Originaleinrichtungen sind jedoch erhalten geblieben. Aktuelle Informationen zum heutigen Landhaus als Sitz des Steiermärkischen Landtags finden sich auf den offiziellen Seiten des Steiermärkischen Landtags.
Der Landhaussaal und die akustische Restaurierung
Einer der imposantesten Räume des Landhauses ist der Landhaussaal, der im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet wurde. Ursprünglich war er der zentrale Versammlungsraum des Landtags, später Festsaal für Empfänge und Theateraufführungen. Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert wurde der Saal für verschiedene Nutzungen adaptiert, darunter Konzerte und offizielle Staatsakte. In den letzten Jahrzehnten wurden bei Restaurierungen zahlreiche historische Details freigelegt und wiederhergestellt.
Der Landhaussaal ist heute auch Aufführungsort für Kammerkonzerte, Lesungen und kleinere Kulturveranstaltungen. Seine Akustik wurde in den 1990er-Jahren durch eine umfassende Sanierung verbessert, die allerdings mit den Anforderungen der Denkmalpflege abgestimmt werden musste. Die Balance zwischen historischem Erhalt und moderner Nutzbarkeit war für das Landhaus über die Jahrhunderte immer wieder ein Thema - und ist es bis heute.
Die Nutzungen: Vom ständischen Versammlungsort zum Landtag
Über Jahrhunderte war das Landhaus Sitz der steiermärkischen Stände. Mit der Französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen geriet die ständische Verfassung Mitteleuropas in eine tiefe Krise. Im Zuge der Reformen des neunzehnten Jahrhunderts wurden die traditionellen Stände durch moderne Parlamente ersetzt. In der Steiermark wurde der Landtag 1861 als konstitutionelles Parlament neu organisiert. Das Landhaus blieb Tagungsort dieses Landtags und tut es bis heute - wenngleich in stark veränderten politischen Rahmenbedingungen.
Nach der Auflösung der Monarchie 1918 wurde das Landhaus Sitz des Steiermärkischen Landtags der Republik. In den Jahren der Zwischenkriegszeit, der NS-Herrschaft (1938-1945) und der Zweiten Republik erfüllte es weiterhin seine parlamentarische Funktion - mit Ausnahme der Jahre 1938 bis 1945, als die nationalsozialistische Gauleitung die politischen Strukturen der Selbstverwaltung aufhob. Nach 1945 wurde der Landtag wiederhergestellt und das Landhaus als sein Sitz bestätigt.
Heute tagt der Steiermärkische Landtag regelmäßig im Landhaus. Die Abgeordneten beraten über Landesgesetze, Budget, Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und alle anderen Themen der landesweiten Politik. Die Sitzungen sind teilweise öffentlich zugänglich, und Besucher können bei vorheriger Anmeldung die Tribüne betreten. Das Landhaus ist damit nicht nur ein historisches Denkmal, sondern ein lebendiges Zentrum des politischen Lebens der Steiermark.
Das Landeszeughaus im Landhaus
Zum Gebäudekomplex des Landhauses gehört auch das berühmte Landeszeughaus in der Herrengasse 16. Es wurde 1642 errichtet - nicht 1644, wie gelegentlich fälschlich angegeben wird - und war ursprünglich die zentrale Waffenkammer der innerösterreichischen Stände zur Verteidigung gegen die Osmanen. Das Gebäude umfasst vier Geschosse, in denen über 30.000 historische Waffen, Rüstungen und Ausrüstungsgegenstände aus dem fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhundert aufbewahrt werden. Es ist die größte erhaltene historische Waffensammlung Europas, die noch an ihrem ursprünglichen Ort erhalten ist.
Die Sammlung umfasst Harnische, Helme, Schilder, Hellebarden, Musketen, Pistolen, Fahnen und vielfältige Ausrüstungsgegenstände. Viele der Stücke wurden in steirischen, oberösterreichischen und italienischen Werkstätten gefertigt; manche stammen aus deutschen oder spanischen Zentren der Rüstungsherstellung. Das Landeszeughaus ist seit dem neunzehnten Jahrhundert als Museum öffentlich zugänglich und wird heute vom Universalmuseum Joanneum betreut. Die Besuchsinformationen zum Landeszeughaus sind über die Joanneumsseiten abrufbar.
Der Landhaushof heute: Teil des UNESCO-Welterbes
Seit der Aufnahme der Grazer Altstadt in die UNESCO-Welterbeliste am 1. Dezember 1999 ist der Landhaushof ein integraler Bestandteil der Welterbestätte. In der Begründung der UNESCO wird die "Landhaus-Hof-Ensemble" als eines der herausragenden Beispiele italienischer Renaissance-Architektur außerhalb Italiens hervorgehoben und als Zeugnis des kulturellen Austauschs zwischen Italien und den österreichischen Ländern im sechzehnten Jahrhundert gewürdigt. Die Welterbe-Begründung ist auf der offiziellen UNESCO-Beschreibungsseite zu Graz einsehbar.
Der Landhaushof ist öffentlich zugänglich. Besucher können den Hof während der Öffnungszeiten des Landhauses betreten und die Arkaden, den Brunnen und die Renaissance-Elemente in Ruhe betrachten. Die Innenräume des Landhauses - darunter die Landstube, der Landhaussaal und weitere historische Säle - sind in der Regel nur bei geführten Rundgängen oder bei Sonderveranstaltungen zugänglich. Die Stadt Graz und das Land Steiermark bieten regelmäßig offizielle Führungen durch den Landhaushof und das angrenzende Landeszeughaus an.
Der Landhaushof im Vergleich
Im europäischen Vergleich ist der Landhaushof ein herausragendes Beispiel, weil er architektonisch eine hohe Qualität aufweist und in seiner Substanz weitgehend erhalten geblieben ist. Viele vergleichbare Renaissance-Höfe wurden im Laufe der Jahrhunderte umgebaut, erweitert oder durch Brände, Kriege oder unsachgemäße Renovierungen beschädigt. Der Grazer Hof blieb in seiner Grundform seit der Fertigstellung 1565 bestehen und wurde im Lauf der Zeit behutsam restauriert.
Die Tatsache, dass die Renaissance in Graz so früh und so konsequent ankam, hat mit der Nähe zu Italien zu tun. Italienische Baumeister, Bildhauer, Maler und Kunsthandwerker kamen über die Alpenpässe nach Graz, brachten ihre technischen und gestalterischen Kenntnisse mit und schufen ein architektonisches Erbe, das im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. Der Landhaushof, das Mausoleum Ferdinands II., Schloss Eggenberg und viele weitere Grazer Bauten dokumentieren diese kulturelle Brückenlage zwischen Italien und dem deutschsprachigen Mitteleuropa.
Besuch und Praktisches
Der Landhaushof befindet sich in der Herrengasse 16 im Zentrum der Grazer Altstadt, rund dreihundert Meter vom Hauptplatz entfernt. Er ist zu Fuß aus allen Richtungen erreichbar - vom Jakominiplatz über die Herrengasse, vom Hauptplatz durch die Schmiedgasse, vom Landhaus aus über die Raubergasse. Die nächstgelegenen Straßenbahnhaltestellen sind "Hauptplatz" und "Jakominiplatz", beide durch mehrere Linien bedient.
Der Besuch des Landhaushofs ist kostenfrei; die Innenhof-Anlage ist tagsüber in der Regel zugänglich. Die Räume des Steiermärkischen Landtags können nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden; der Landtag bietet regelmäßige Führungen für Schulklassen, Delegationen und Einzelbesucher an. Für die Besichtigung des Landeszeughauses ist ein separates Ticket erforderlich, das an der Kasse der Herrengasse 16 erhältlich ist. Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise finden sich auf den Seiten des Universalmuseums Joanneum.
Wer den Landhaushof zum ersten Mal betritt, sollte Zeit mitbringen. Die Details der Arkadenkomposition, die Brunnenfiguren, die Wappensteine und die historischen Bauspuren erschließen sich nicht im Vorbeigehen, sondern verlangen ein langsames Umhergehen und ein prüfendes Blicken. Wer diese Zeit investiert, wird mit einem der qualitätsvollsten Renaissance-Räume Mitteleuropas belohnt - einem Ort, in dem sich die Politik der steiermärkischen Stände, die Kunstfertigkeit italienischer Baumeister und die Kontinuität einer mehr als vierhundertsechzigjährigen Institution in architektonischer Form verdichten.