GRAZ JOURNAL

Grazer Künstler der Moderne: Brus, Kolleritsch, Wurm und mehr

Die wichtigsten Grazer Künstler der Moderne: Günter Brus und das BRUSEUM, Alfred Kolleritsch und die manuskripte, Erwin Wurm, Richard Kriesche, Olga Neuwirth.

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Grazer Künstler der Moderne: Brus, Kolleritsch, Wurm und mehr

Forum Stadtpark - Beginn einer Kulturszene

Die Geburtsstunde der Grazer Avantgarde datiert auf den 4. November 1960. An diesem Tag eröffneten die Gründungsmitglieder des Forum Stadtpark - darunter Alfred Kolleritsch, Emil Breisach, Günter Waldorf, Othmar Carli, Gustav Zankl und Siegfried Neuburg - das renovierte Café Meran im Stadtpark. Der Bau stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und war bis dahin als Gastronomiebetrieb genutzt worden; der Verein „Forum Stadtpark" hatte die Stadt 1959 überzeugt, das Gebäude jungen Künstlerinnen, Autorinnen und Intellektuellen zur Verfügung zu stellen. Die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift „manuskripte" erschien am selben Eröffnungstag in einer Auflage von 100 Exemplaren.

Das Forum Stadtpark wurde zum Sammelbecken der „Grazer Gruppe" - einer losen Vereinigung von Autoren, bildenden Künstlern und Komponisten, die in den 1960er und 1970er Jahren das literarische und künstlerische Leben Österreichs neu definierten. Im Forum trafen sich Peter Handke (der hier 1964 erstmals auftrat), Barbara Frischmuth, Gerhard Roth, Elfriede Jelinek, Wolfgang Bauer, Alfred Kolleritsch, später auch Peter Waterhouse und viele andere. Die Häuser- und Institutionengeschichte ist auf der Seite des Forum Stadtpark dokumentiert, das bis heute als aktives Avantgarde-Haus besteht.

Alfred Kolleritsch und die „manuskripte"

Alfred Kolleritsch (1931-2020) war der unbestrittene Motor der Grazer Literatur-Avantgarde. Der Gymnasiallehrer aus Brunnsee bei Mureck bei Graz war Mitgründer des Forum Stadtpark und über 60 Jahre hinweg Herausgeber der Zeitschrift „manuskripte" - einer der langlebigsten und einflussreichsten Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum. „manuskripte" druckte die ersten Texte zahlreicher Autoren, die später zum Kanon der österreichischen und deutschen Literatur gehörten. Peter Handke debütierte in „manuskripte" mit frühen Texten, Elfriede Jelinek ebenso, Friederike Mayröcker veröffentlichte hier regelmäßig. Die Zeitschrift ist heute im Besitz der Stadt Graz und wird seit Kolleritschs Tod im Mai 2020 von Andreas Unterweger herausgegeben.

Kolleritsch war neben seiner Herausgeberrolle auch Autor eigener Bücher - Romane wie „Die Pfirsichtöter" (1972), Gedichtbände wie „Einübung in das Vermeidbare" (1985) und philosophische Essays, die eine phänomenologische Nähe zu Martin Heidegger, Maurice Merleau-Ponty und Ingeborg Bachmann zeigen. 1978 erhielt er den Petrarca-Preis, 1983 den Manès-Sperber-Preis, 1994 den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik. Das Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung an der Universität Graz hat die historische Rolle von Kolleritsch und den „manuskripten" in einem laufenden Forschungsprojekt dokumentiert.

Günter Brus und das BRUSEUM

Günter Brus wurde am 27. September 1938 in Ardning in der Steiermark geboren und starb am 10. Februar 2024 in Graz. Seine künstlerische Laufbahn begann an der Kunstgewerbeschule in Graz, bevor er nach Wien ging und ab 1964 gemeinsam mit Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler zum prägenden Kopf des Wiener Aktionismus wurde. Seine Performances der 1960er Jahre - darunter die legendäre „Kunst und Revolution"-Aktion im Hörsaal der Wiener Universität am 7. Juni 1968 - führten zu Strafverfahren und zwangen Brus zur zeitweisen Emigration nach Berlin. Ab den 1970er Jahren konzentrierte er sich auf Zeichnungen, Bildgedichte und Bücher und wurde damit zu einem der wichtigsten Künstler der österreichischen Nachkriegszeit.

1996 wurde Brus mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für bildende Kunst ausgezeichnet. 2011 eröffnete im Joanneumsviertel das BRUSEUM als fester Teil der Neuen Galerie Graz - ein Museum, das ausschließlich Brus und dem Umfeld des Wiener Aktionismus gewidmet ist. Zur Eröffnung am 26. November 2011 umfasste die Sammlung bereits 19 Filme, 1.181 Einzelfotografien aus 19 Aktionen sowie 39 Zyklen mit insgesamt 499 Blättern. Das Universalmuseum Joanneum betreibt das BRUSEUM bis heute und stellt eine ausführliche Dokumentation auf der Website der Neuen Galerie Graz bereit. Brus wurde 2024 mit einem Staatsakt im Rittersaal des Joanneums verabschiedet - seine Grabstätte liegt auf dem St. Peter-Stadtfriedhof.

Richard Kriesche - Medienkunst aus Graz

Richard Kriesche wurde am 28. Oktober 1940 in Wien geboren, studierte 1958 bis 1963 an der Akademie der bildenden Künste Wien und übersiedelte 1963 nach Graz. Von 1963 bis 1967 und erneut von 1969 bis 1990 unterrichtete er an der Höheren Technischen Bundeslehranstalt Graz-Ortweinschule und gründete dort 1967 das Audiovisuelle Zentrum Graz (AVZ), die erste schulische Ausbildungseinrichtung für neue Medien in Österreich. Seine künstlerische Arbeit umfasst Videoinstallationen, Computerkunst, Net Art und großformatige Performances im öffentlichen Raum. Er gilt als einer der Pioniere der Medienkunst im deutschsprachigen Raum.

Kriesche war mehrfach auf der Biennale Venedig vertreten (1980, 1984, 1995, 2003) und auf der documenta Kassel (1977, 1987). Sein Werk ist eng mit Graz verbunden - die meisten seiner Installationen in den 1970er und 1980er Jahren entstanden in Zusammenarbeit mit dem Steirischen Herbst, dem Forum Stadtpark und der Neuen Galerie Graz. 2019 zeigte das Museum der Moderne Salzburg eine große Retrospektive, 2020 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. Seine Werkdatenbank ist auf der Website des Medienblocks Richard Kriesche einsehbar.

Olga Neuwirth - Die Komponistin aus Graz

Olga Neuwirth wurde am 4. August 1968 in Graz geboren und ist die international sichtbarste lebende Komponistin mit Graz-Wurzeln. Ihr Vater Harald Neuwirth war Pianist und Dozent am Grazer Konservatorium, ihre Mutter Griseldis Kunsthistorikerin. Nach einem Auslandsaufenthalt am San Francisco Conservatory of Music 1985/86 studierte sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien bei Erich Urbanner und Erich Romanovsky, später am IRCAM in Paris. Ihre enge Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek prägte mehrere ihrer Musiktheaterwerke, etwa „Bählamms Fest" (1999) und „Lost Highway" (2003) nach David Lynch.

2010 erhielt Neuwirth als erste Frau den Großen Österreichischen Staatspreis für Musik. 2019 wurde ihre Oper „Orlando" nach Virginia Woolf an der Wiener Staatsoper uraufgeführt - die erste Oper einer Komponistin im Repertoire dieses Hauses. 2022 folgten der Grawemeyer Award der University of Louisville und der Ernst-von-Siemens-Musikpreis, 2023 der Ehrenring der Stadt Graz. Neuwirth kombiniert Live-Elektronik, Video, Filmmaterial und ungewöhnliche Instrumentierungen; ihr Werk ist politisch, oft mit feministischem Einschlag und häufig mit dem Verweis auf Graz als Ausgangsort. Ihre Werkverzeichnisse sind auf der offiziellen Website dokumentiert.

Erwin Wurm - One Minute Sculptures

Erwin Wurm wurde am 27. Juli 1954 in Bruck an der Mur geboren, studierte von 1974 bis 1977 Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Graz und wechselte dann nach Salzburg (Mozarteum) und Wien. Seine Grazer Studienjahre legten die philosophische und historische Basis für seine späteren Arbeiten, bevor sich sein Interesse an der Bildhauerei durchsetzte. Ab 1988 entwickelte er die „One Minute Sculptures" - knappe, absurde Inszenierungen mit alltäglichen Objekten und menschlichen Körpern, die nur wenige Minuten oder Sekunden dauern und damit den klassischen Skulptur-Begriff komplett unterlaufen.

Wurm ist heute international einer der bekanntesten österreichischen Künstler, mit Ausstellungen im MoMA New York, der Tate Modern London und der Fondation Cartier Paris. Seine Verbindung zu Graz ist über die Studienzeit hinaus erhalten geblieben: Werke von ihm stehen im Österreichischen Skulpturenpark in Unterpremstätten vor den Toren der Stadt, der als Außenstelle des Universalmuseum Joanneum geführt wird. Eine Großausstellung im Kunsthaus Graz 2014 zeigte eine breite Auswahl seines Werkes, und in der Neuen Galerie sind mehrere Arbeiten dauerhaft zu sehen.

Die Kunstuniversität Graz

Die Kunstuniversität Graz (KUG) wurde 1963 als Bundesakademie für Musik und darstellende Kunst erhoben (Vorgängerinstitution seit 1816) und 1998 in ihre heutige Form überführt. Sie ist neben Wien und Salzburg eine der drei österreichischen Kunstuniversitäten und unterrichtet Musik, Komposition, Schauspiel, Regie, Bühnengestaltung und elektronische Medien. In den 1970er und 1980er Jahren wurde sie unter der Rektoratszeit von Otto Kolleritsch und Sebastian Benda zu einem Zentrum der Neuen Musik - das Institut für Elektronische Musik und Akustik (IEM) gehört zu den international führenden Einrichtungen ihrer Disziplin. Die Seite der Kunstuniversität Graz dokumentiert das aktuelle Studien- und Forschungsprogramm.

Aus der KUG sind zahlreiche international aktive Komponistinnen, Dirigenten und Musikerinnen hervorgegangen, darunter Beat Furrer (Komponist und KUG-Professor), Klaus Lang und Andreas Stauder. Das jährliche Festival „impuls" für zeitgenössische Musik wird in Kooperation mit dem Steirischen Herbst und der KUG veranstaltet und bringt internationale Ensembles und Nachwuchstalente nach Graz.

Der Steirische Herbst

Der Steirische Herbst wurde 1968 als erstes Festival für zeitgenössische multidisziplinäre Kunst in Österreich gegründet. Initiator war der Landesrat für Kultur Hanns Koren, der die Idee einer Avantgarde-Plattform in einer strukturkonservativen Provinz gegen erhebliche politische Widerstände durchsetzte. Das Festival findet jährlich im September und Oktober in Graz statt und präsentiert Theater, Tanz, Musik, bildende Kunst und Performance - mit wechselnden internationalen Intendantinnen und Intendanten. In den 1980er Jahren etablierten Gerhard Roth, Peter Handke und Peter Turrini hier österreichische Uraufführungen, die anschließend in Wien und Berlin Karriere machten.

Unter der Intendanz von Ekaterina Degot seit 2018 ist das Festival verstärkt politisch-diskursiv ausgerichtet und verhandelt in jährlich wechselnden Themenprogrammen globale Gegenwartsfragen - Migration, postkoloniale Perspektiven, Demokratie. Die aktuellen Programme sind auf der Festivalseite des Steirischen Herbstes verfügbar. Das Festival gilt heute neben dem Berliner Theatertreffen und den Wiener Festwochen als eines der wichtigsten zeitgenössischen Festivals im deutschsprachigen Raum.

Das Kunsthaus Graz und die Neue Galerie

Das Kunsthaus Graz wurde zum Kulturhauptstadtjahr 2003 eröffnet. Der Bau der britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier mit seiner biomorphen blauen Fassade und der BIX-Medienfassade ist selbst zum Wahrzeichen zeitgenössischer Architektur geworden. Es zeigt wechselnde Ausstellungen internationaler Gegenwartskunst und gehört organisatorisch zum Universalmuseum Joanneum. Die Neue Galerie Graz ist die sammlungsorientierte Schwesterinstitution; sie beherbergt das BRUSEUM sowie Werke der österreichischen Moderne von Egon Schiele bis zu den zeitgenössischen Positionen von Herbert Brandl, Franz West und Martha Jungwirth.

Im Joanneumsviertel direkt neben dem Landhaus verbindet ein unterirdischer Eingangsbereich die Neue Galerie, das Museum für Geschichte, das Naturkundemuseum und das Kindermuseum. Diese Konzentration macht das Viertel zu einer der dichtesten Museumslagen des deutschsprachigen Raums. Der Besuch aller Häuser an einem Tag ist mit einem Kombiticket möglich, das Joanneum dokumentiert die Ausstellungen und Eintrittspreise auf seiner Hauptseite.

Die Grazer Künstler im Überblick

NameLebensdatenBereichGraz-Bezug
Alfred Kolleritsch1931-2020Literatur, manuskripteMitgründer Forum Stadtpark 1960
Günter Brus1938-2024Aktionismus, ZeichnungKunstgewerbeschule Graz, BRUSEUM seit 2011
Richard Krieschegeb. 1940 (Wien)MedienkunstSeit 1963 in Graz, AVZ-Gründer
Erwin Wurmgeb. 1954 (Bruck/Mur)BildhauereiStudium Universität Graz 1974-77
Olga Neuwirthgeb. 1968KompositionGeboren in Graz, Ehrenring 2023
Constantin Lusergeb. 1976Zeichnung, SkulpturGeboren in Graz
Markus Wilflinggeb. 1966BildhauereiWohnt und arbeitet in Graz

Ein Kunst-Tag in Graz

5 Stationen für einen Grazer Kunst-Tag

  1. Kunsthaus Graz, Lendkai 1: Wechselnde Ausstellungen internationaler Gegenwartskunst, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr.
  2. Neue Galerie Graz im Joanneumsviertel: Dauerausstellung österreichischer Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts, inklusive BRUSEUM.
  3. Forum Stadtpark: Laufendes Programm mit Lesungen, Performances, Diskursveranstaltungen; architektonisch ein Zeitzeuge der Grazer Avantgarde.
  4. Österreichischer Skulpturenpark in Unterpremstätten: Außenstelle des Universalmuseum Joanneum mit Werken von Erwin Wurm, Franz West, Michael Schuster und weiteren internationalen Positionen.
  5. Camera Austria im Kunsthaus: International renommierte Institution für zeitgenössische Fotografie, mit Zeitschrift, Ausstellungen und Archiv.

Warum Graz zur Avantgarde-Stadt wurde

Die Transformation einer provinziellen Landeshauptstadt in ein Avantgarde-Zentrum hat mehrere Ursachen. Erstens: Die geografische Distanz zu Wien ermöglichte eine eigene Szene, die nicht in das Schatten der Hauptstadt fiel. Zweitens: Einzelne Persönlichkeiten wie Alfred Kolleritsch, Hanns Koren, Günter Waldorf und später Peter Vujica (Kulturredaktion „Kleine Zeitung") hielten über Jahrzehnte hinweg konsequent an der Avantgarde-Idee fest, auch gegen ÖVP-konservative Mehrheiten im Landtag. Drittens: Die Grazer Universitäten - KUG, Karl-Franzens-Universität, TU Graz - produzierten ein gebildetes, experimentierfreudiges Publikum, das die Szene trug. Und viertens: Die Internationalisierung im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2003 hat der Stadt Infrastruktur und Aufmerksamkeit verschafft, die heute weiterwirken.

Die Grazer Kunstszene der Gegenwart bleibt damit ein widersprüchliches Phänomen. Sie ist kleiner als Wien und weniger finanziert als München oder Berlin, aber sie hat in spezifischen Bereichen - Neue Musik, Medienkunst, experimentelle Literatur - eine Dichte, die über Jahrzehnte stabil geblieben ist. Wer heute durch das Joanneumsviertel geht, die BIX-Fassade des Kunsthauses in der Dämmerung leuchten sieht oder eine Lesung im Forum Stadtpark besucht, steht in einer Linie, die 1960 begann und bis in die Grazer Gegenwart reicht - getragen von Institutionen, die sich als Haltung verstehen, nicht als Dekoration einer historischen Altstadt.

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