GRAZ JOURNAL

Grazer Bürgermeister: Politische Geschichte von 1861 bis heute

Die wichtigsten Grazer Bürgermeister und ihre Geschichte: Moritz von Franck, Vinzenz Muchitsch, Eduard Speck, Alfred Stingl, Siegfried Nagl, Elke Kahr.

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Grazer Bürgermeister: Politische Geschichte von 1861 bis heute

Moritz von Franck - Der erste frei gewählte Bürgermeister

Moritz Ritter von Franck wurde 1814 in Wien geboren und übersiedelte als junger Mann nach Graz, wo er als Jurist und Bankier Karriere machte. 1861 trat in Österreich das Februarpatent in Kraft, das den Gemeinden eine eigenständige Wahl ihrer Vertretungskörper ermöglichte. Am 17. April 1861 wurde Franck als erster frei gewählter Bürgermeister von Graz vereidigt. Seine erste Amtszeit dauerte bis März 1864. Nach einer Unterbrechung, in der er sich auf seine geschäftlichen Tätigkeiten zurückzog, wurde er 1867 erneut zum Bürgermeister gewählt und blieb bis März 1870 im Amt. Damit hatte er zusammengerechnet rund sechs Jahre die Grazer Stadtverwaltung geführt - in einer Zeit, in der aus der alten Festungsstadt des Vormärz die moderne Landeshauptstadt der Gründerzeit wurde.

Franck setzte sich während seiner Amtszeiten für den Ausbau der Grazer Infrastruktur ein: Ausbau der Ringstraße, Bau der Kettenbrücke über die Mur, Verlegung des Südbahnhofs und später die Ansiedlung neuer Gewerbebetriebe in Lend und Gries. Er starb 1895 in Graz und wurde im Stadtpark mit einem Denkmal geehrt, das 1899 enthüllt wurde und bis heute an seiner ursprünglichen Stelle steht. Die Universität Graz hat die Geschichte der Grazer Bürgermeister zwischen 1850 und 1919 in einer Dissertation im Open-Access-Repositorium dokumentiert, die Francks Amtszeit im Detail aufarbeitet.

Die Bürgermeister der späten Monarchie

Auf Franck folgten bis 1918 mehrere Bürgermeister, die das wachsende Graz verwalteten. Franz Graf stellte von 1870 bis 1876 die Stadtverwaltung auf eine moderne Basis, mit der Einrichtung der ersten Wasserleitung und des ersten Gaswerks. Julius Purtscher führte die Stadt zwischen 1883 und 1897 durch die große Gründerzeitphase, in der das Opernhaus (1899 eröffnet) geplant wurde und die erste Pferdestraßenbahn (1878) in elektrischen Betrieb überging. Franz Muchitsch und später Albin Alber setzten die Modernisierung fort. Graz hatte zum Ende der Habsburgermonarchie rund 150.000 Einwohner und war nach Wien und Prag eine der bedeutendsten Städte im Kronland Cisleithanien.

Das Amt des Bürgermeisters war in dieser Phase politisch durch die Deutschnationalen und Liberalen dominiert. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, die in den Industrievierteln Lend, Gries und Puntigam wuchs, erreichte noch keine Mehrheiten. Das änderte sich erst mit dem allgemeinen Wahlrecht 1907 (Reichsrat) und dem Frauenwahlrecht 1919 (Nationalversammlung), als die Sozialdemokratie plötzlich in die Mehrheit wählbar wurde.

Vinzenz Muchitsch - Erster Sozialdemokrat an der Stadtspitze

Vinzenz Muchitsch wurde am 25. Februar 1873 in St. Leonhard in den Windischen Büheln (damals Herzogtum Steiermark, heute Slowenien) geboren. Er war gelernter Bäcker, wurde in Wien sozialisiert und übersiedelte als junger Mann nach Graz, wo er in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung aktiv wurde. Ab 1904 saß er im Grazer Gemeinderat, 1907 wurde er nach den ersten Reichsratswahlen mit allgemeinem Männerwahlrecht Abgeordneter. Am 14. Juni 1919, wenige Monate nach dem Ende der Habsburgermonarchie und inmitten der Ausrufung der Ersten Republik, wurde Muchitsch vom neu gewählten Grazer Gemeinderat zum Bürgermeister bestimmt. Er war der erste Sozialdemokrat in diesem Amt. Die Stadt dokumentiert sein Porträt auf dem Graz.at-Persönlichkeiten-Portal.

Muchitschs knapp 15-jährige Amtszeit war eine Ausnahme: Während die Erste Republik unter wirtschaftlichen Krisen, politischer Polarisierung und wachsendem Rechtsextremismus litt, versuchte Muchitsch in Graz ein Gegengewicht zu schaffen. Er baute Gemeindewohnungen (darunter den nach ihm benannten „Muchitsch-Block" an der Triester Straße) nach Wiener Vorbild, förderte die Grazer Volksbibliotheken, baute das kommunale Bäder- und Schulwesen aus und setzte die Elektrifizierung des öffentlichen Verkehrs in Graz vollständig durch. Am 12. Februar 1934, im Zuge der „Februarkämpfe" und der Machtübernahme des austrofaschistischen Ständestaats unter Engelbert Dollfuß, wurde Muchitsch seines Amtes enthoben und für einige Monate inhaftiert. Er starb am 18. September 1942 in Graz, mitten im Nationalsozialismus, ohne sein Amt je wieder aufnehmen zu können.

Austrofaschismus und NS-Zeit 1934-1945

Zwischen 1934 und 1945 war das Grazer Bürgermeisteramt von Funktionären besetzt, die nicht demokratisch gewählt waren. In der Zeit des Austrofaschismus amtierten Julius Kolb (1934-1938, Vaterländische Front), nach dem „Anschluss" im März 1938 übernahmen NSDAP-Funktionäre das Amt - darunter Julius Kaspar (1938-1941) und ab 1941 Walter Ehard als kommissarischer Oberbürgermeister. Die Stadt Graz wurde in der NS-Zeit zur „Stadt der Volkserhebung" erklärt, weil sie eine der ersten Städte war, in denen vor dem Einmarsch der Wehrmacht im März 1938 Hakenkreuzfahnen gehisst worden waren. Die offizielle NS-Rhetorik nutzte dieses Etikett zur Aufwertung der Stadt - Graz wurde damit zur Modellstadt der Naziherrschaft in Österreich.

Die Aufarbeitung dieser Periode hat spät begonnen. Erst in den 1990er Jahren wurden die NS-Bürgermeister kritisch untersucht und ihre Straßen- und Platznamen entfernt oder umbenannt. Das Stadtarchiv Graz und die Historikerinnen der Universität Graz haben dazu mehrere Monografien vorgelegt, die auch im Rahmen des Grazer „Geschichte der Stadt"-Programms öffentlich gemacht werden. Die NS-Zeit gilt in der Grazer Politikgeschichte als die tiefste und dunkelste Phase der städtischen Selbstverwaltung.

Eduard Speck - Bürgermeister von 1945 bis 1960

Eduard Speck wurde am 21. November 1884 in Wien geboren, war Jurist und in der Zwischenkriegszeit bei der Grazer Stadtverwaltung tätig. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Graz im Mai 1945 setzte die sowjetische Besatzungsmacht Speck am 16. Mai 1945 als kommissarischen Bürgermeister ein - bemerkenswerterweise nicht auf Vorschlag der Besatzungspartei (der KPÖ), sondern als unabhängige Kompromissfigur, die von der SPÖ getragen wurde. Die Rote Armee zog wenige Wochen später ab; die britische Besatzungszone übernahm die Verwaltung der Steiermark. Speck wurde in den folgenden Gemeinderatswahlen 1945, 1949, 1953 und 1958 jeweils als SPÖ-Bürgermeister bestätigt und blieb bis zum 31. Jänner 1960 im Amt. Die Stadt führt Speck auf dem Graz.at-Persönlichkeiten-Portal.

Specks Amtszeit fiel in die Wiederaufbauphase nach dem Krieg und in die Jahre des Staatsvertrags 1955. Unter seiner Verwaltung wurden die Bombenschäden beseitigt, das Grazer Rathaus renoviert, die Straßenbahn und der Südbahnhof wiederaufgebaut, neue Wohnsiedlungen in Eggenberg, Wetzelsdorf und St. Peter errichtet. Speck gilt als Architekt des demokratischen Neuanfangs der Grazer Stadtverwaltung. Er starb am 3. November 1973 in Graz, zwanzig Jahre nach seinem Amtsende.

Die lange ÖVP-SPÖ-Ära 1960-1985

Auf Eduard Speck folgten mehrere Bürgermeister, die die Stadt durch die Jahrzehnte des Wachstums und der Modernisierung führten. Gustav Scherbaum (SPÖ) war von 1960 bis 1973 im Amt und leitete den Ausbau des Schulwesens, die Errichtung der ersten Hochhäuser im Murpark-Gebiet und den Beginn der Studentenrevolte an der Universität Graz. Alexander Götz (FPÖ) war von 1973 bis 1983 Bürgermeister und damit der einzige freiheitliche Bürgermeister einer österreichischen Landeshauptstadt im 20. Jahrhundert. Unter ihm begann die Umgestaltung der Grazer Altstadt mit dem Ziel, den Durchgangsverkehr aus der Herrengasse zu entfernen. Franz Hasiba (ÖVP) führte die Stadt von 1983 bis 1985 übergangsweise.

Alfred Stingl - Die Ära des kulturellen Umbruchs 1985-2003

Alfred Stingl wurde am 28. Mai 1939 in Graz geboren und machte zunächst eine Lehre als Schriftsetzer in der Leykam-Druckerei. Ab 1962 wechselte er in die Politik, wurde 1968 in den Grazer Gemeinderat gewählt und 1973 in den Stadtsenat. Am 10. Jänner 1985 übernahm er das Bürgermeisteramt und blieb bis 27. März 2003 - insgesamt 18 Jahre - im Amt. Das macht ihn zu einem der am längsten amtierenden Grazer Bürgermeister der Zweiten Republik. Stingl gehörte der SPÖ an und war für seine bescheidene Lebensführung und seine konsequent sozialdemokratische Orientierung bekannt. Er starb am 29. Mai 2025 im Alter von 86 Jahren.

Stingls größte politische Leistungen liegen in der Kulturpolitik. 1999 wurde das historische Zentrum von Graz auf seine Initiative zum UNESCO-Welterbe erklärt - die offizielle Einreichung erfolgte während seiner Amtszeit und war das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung mit dem Bundesdenkmalamt. 2001 unterzeichnete die Stadt auf seine Initiative die europäische Menschenrechtsdeklaration als erste „Menschenrechtsstadt" Europas. 2003 wurde Graz Kulturhauptstadt Europas - ein Status, den Stingl als Abschluss seiner Amtszeit noch selbst mitfeiern konnte. Unter ihm wurden das Kunsthaus Graz, die Murinsel und die neue Stadthalle geplant und teilweise eröffnet. Stingl war einer der Grazer Bürgermeister mit der prägendsten Bilanz.

Siegfried Nagl - Die ÖVP-Ära 2003-2021

Siegfried Nagl wurde 1963 in Graz geboren und war ÖVP-Politiker aus dem wirtschaftsnahen Flügel der Partei. Er übernahm das Bürgermeisteramt am 27. März 2003 - dem Tag, an dem Graz offiziell als Kulturhauptstadt Europas eröffnet wurde - und blieb bis zum 17. November 2021 im Amt. Mit über 18 Jahren Amtszeit ist Nagl der am längsten amtierende Bürgermeister in der Geschichte der Stadt. 2010 wurde unter seiner Amtszeit das UNESCO-Welterbe Graz um Schloss Eggenberg erweitert. Parallel entwickelte sich unter Nagl das Stadtviertel Reininghaus auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei zu einem neuen Stadtteil, und die „Smart City Graz" im Bereich der Waagner-Biro-Straße wurde als Pilotprojekt nachhaltiger Stadtentwicklung umgesetzt. Die Stadt Graz dokumentiert Nagls Amtszeit auf seiner offiziellen Altbürgermeister-Seite.

Nagls Amtszeit war nicht unumstritten. Die Verkehrspolitik - insbesondere der geplante „Plabutsch-Tunnel" und die langsame Umsetzung der geplanten Nord-Süd-Straßenbahn - führte zu wiederholten Protesten. Auch die Privatisierung städtischer Wohnungen und die Handhabung der Altstadterhaltung wurden kritisiert. 2021 trat Nagl nach der Wahlniederlage der Grazer ÖVP (15,8 Prozent, knapp hinter der Grünen) offiziell zurück und zog sich aus der aktiven Politik weitgehend zurück.

Elke Kahr - Die historische Wahl 2021

Am 26. September 2021 fand die Grazer Gemeinderatswahl statt, die als politische Wende in die Geschichte einging. Die KPÖ unter ihrer Spitzenkandidatin Elke Kahr erreichte 28,84 Prozent der Stimmen und wurde damit zur stärksten Partei im Grazer Gemeinderat. Am 17. November 2021 wurde Kahr in der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats mit 28 von 48 Stimmen zur Bürgermeisterin gewählt. Sie ist die erste weibliche Bürgermeisterin von Graz und die erste kommunistische Bürgermeisterin einer österreichischen Landeshauptstadt der Zweiten Republik. Die Koalition besteht aus KPÖ, Grünen und SPÖ - in Graz unter dem Kürzel „Dunkelrot-Grün-Rot" bekannt.

Kahr wurde am 2. November 1961 in Graz geboren und arbeitete zunächst als Sekretärin, ab 1987 bei der KPÖ. Ab 1998 war sie Gemeinderätin, ab 2005 Stadträtin für Wohnen. Sie wurde durch das „KPÖ-Modell" bekannt, bei dem Mandatare einen großen Teil ihrer Bezüge an sozial Bedürftige spenden - im Fall Kahrs regelmäßig mehr als 2.000 Euro monatlich. Ihre „Sprechstunden des Kümmerns", in denen sie persönlich Mieterinnen und Mietern, Arbeitslosen und Familien mit Wohnsorgen begegnet, sind in Graz zum Markenzeichen geworden. Vizebürgermeisterin ist seit 17. November 2021 die Grüne Judith Schwentner - erstmals in der Geschichte von Graz stehen zwei Frauen an der Spitze der Stadt.

Die Bürgermeister seit 1945 im Überblick

AmtszeitNameParteiWichtige Ereignisse
1945-1960Eduard SpeckSPÖWiederaufbau, Ende der Besatzung 1955
1960-1973Gustav ScherbaumSPÖAusbau Schulwesen, Studentenrevolte
1973-1983Alexander GötzFPÖUmgestaltung Altstadt, Durchgangsverkehr
1983-1985Franz HasibaÖVPÜbergangsregierung
1985-2003Alfred StinglSPÖUNESCO-Welterbe 1999, Menschenrechtsstadt, Kulturhauptstadt 2003
2003-2021Siegfried NaglÖVPWelterbe Schloss Eggenberg 2010, Smart City, Reininghaus
seit 17. 11. 2021Elke KahrKPÖErste KPÖ-Bürgermeisterin einer Landeshauptstadt der 2. Republik

Weitere Grazer Politikerinnen und Politiker

Neben den Bürgermeistern hat Graz weitere Figuren hervorgebracht, die die österreichische Politik geprägt haben. Waltraud Klasnic (geboren 1945 in Graz) war von 23. Jänner 1996 bis 2005 als erste Frau überhaupt Landeshauptfrau eines österreichischen Bundeslandes. Franz Voves (geboren 1953) war SPÖ-Landeshauptmann der Steiermark von 2005 bis 2015 und später gemeinsam mit Hermann Schützenhöfer (ÖVP) Erfinder der „steirischen Reformpartnerschaft". Ursula Lackner (geboren 1965) ist SPÖ-Politikerin und seit 2019 Landesrätin der Steiermark; ihre Ressorts umfassen Umwelt, Energie, Naturschutz und Bildung. Die Zuordnung Lackners zur SPÖ ist wichtig: Sie ist nicht bei den Grünen, wie gelegentlich fälschlich behauptet wird, sondern gehört seit 2005 dem Landtag als SPÖ-Abgeordnete an.

Judith Schwentner (geboren 1968 in Graz) ist Vizebürgermeisterin seit 2021 und gehört den Grünen an; sie war von 2008 bis 2017 Nationalratsabgeordnete und davor langjährige Chefredakteurin der Grazer Straßenzeitung „Megaphon". Kurt Hohensinner (geboren 1974) ist ÖVP-Stadtrat in Graz und war lange Jahre für Bildung und Jugend zuständig. Martina Schröck (geboren 1966) war von 2012 bis 2017 SPÖ-Vizebürgermeisterin von Graz - und zwar nicht als Grüne, wie manchmal fehlerhaft berichtet wird, sondern als Mitglied der Sozialdemokratie. Ihre Amtszeit endete, bevor die Grünen in der Grazer Stadtregierung ihre heutige Bedeutung erlangten.

Das Grazer Rathaus und der Sitz der Macht

Der Ort, an dem all diese Politikerinnen und Politiker wirkten, ist das Grazer Rathaus am Hauptplatz. Das repräsentative Gebäude im Stil der Neorenaissance wurde zwischen 1887 und 1893 nach den Plänen der Architekten Theodor Reuter und Alexander Wielemans errichtet und ersetzte ein kleineres Rathaus aus dem 16. Jahrhundert. Es beherbergt den Bürgermeistersaal, den Gemeinderatssaal und die wichtigsten Ämter der Stadtverwaltung. Die Fassade zum Hauptplatz ist mit Figuren von Grazer Berühmtheiten geschmückt, darunter Erzherzog Johann und Moritz von Franck.

Der Gemeinderat der Stadt Graz besteht aus 48 Mandatarinnen und Mandataren, die für eine Periode von fünf Jahren gewählt werden. Die konstituierende Sitzung jeder Legislaturperiode findet im Gemeinderatssaal des Rathauses statt. Bürgersprechstunden, öffentliche Sitzungen und kulturelle Empfänge sind im Rathaus möglich - die Stadt stellt dazu auf graz.at die aktuellen Termine und Zugangsmodalitäten bereit.

Orte der Grazer Politikgeschichte

5 Orte, an denen die Grazer Politikgeschichte sichtbar ist

  1. Das Rathaus am Hauptplatz: Sitz des Bürgermeisters seit 1893, mit öffentlich zugänglichem Bürgermeistersaal bei besonderen Anlässen.
  2. Moritz-von-Franck-Denkmal im Stadtpark: 1899 enthüllt, erinnert an den ersten frei gewählten Grazer Bürgermeister.
  3. Muchitsch-Block an der Triester Straße: Großer Kommunalwohnbau aus der Zwischenkriegszeit, nach dem sozialdemokratischen Bürgermeister benannt.
  4. Das Landhaus in der Herrengasse: Sitz des steirischen Landtags, wichtiger Ort der Landespolitik seit dem 16. Jahrhundert.
  5. Das Stadtarchiv Graz in der Hans-Sachs-Gasse: Primärquellen zu allen Grazer Bürgermeistern und ihrer Politik seit 1850.

Die politische Kultur von Graz

Die Grazer Politik hat sich in den letzten Jahrzehnten mehrfach neu sortiert. Bis in die 1970er Jahre wechselten sich SPÖ und ÖVP in der Stadtspitze ab, von 1973 bis 1983 war mit Alexander Götz ein freiheitlicher Bürgermeister im Amt, danach dominierten wieder die beiden Großparteien. Die Grünen gewannen ab den 1990er Jahren stetig an Gewicht, zunächst vor allem in städtebaulichen und verkehrspolitischen Fragen. Die KPÖ, die in ganz Österreich seit Jahrzehnten unter der 5-Prozent-Hürde für den Nationalrat blieb, hat in Graz eine Ausnahme-Erscheinung: Hier zieht sie seit 1998 kontinuierlich in den Gemeinderat ein und erreichte 2021 erstmals die absolute Mehrheit der Mandatsführung in einer Koalition.

Diese Vielfalt macht die Grazer Politik im innerösterreichischen Vergleich zu einem interessanten Laboratorium. Koalitionen über ideologische Grenzen hinweg sind möglich, neue Themen kommen schneller auf die Agenda als in Wien, und die Bürgerbeteiligung bei Wahlen liegt traditionell über dem österreichischen Durchschnitt. Dass mit Elke Kahr und Judith Schwentner heute erstmals zwei Frauen an der Spitze der Stadt stehen, ist das vorläufige Ergebnis einer langen Entwicklung, die mit der Wahl Moritz von Francks 1861 begann - und die noch lange nicht am Ende ist.

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