Nikola Tesla in Graz: Studium an der k.k. Technischen Hochschule 1875-1878
Von 1875 bis 1878 studierte Nikola Tesla an der k.k. Technischen Hochschule Graz. Hier traf er Professor Jakob Pöschl, hier wurde der Grundstein für den Wechselstrom gelegt.
Teslas Herkunft und der Weg nach Graz
Nikola Tesla wurde am 10. Juli 1856 in Smiljan geboren, einem kleinen Dorf in der damaligen kroatisch-slawonischen Militärgrenze des Habsburgerreichs (heute Kroatien). Sein Vater Milutin Tesla war serbisch-orthodoxer Priester, seine Mutter Đuka Mandić stammte aus einer Familie von Pfarrerfrauen und war für ihre technische Begabung bekannt - sie konstruierte Haushaltsgeräte und mechanische Werkzeuge für die Landwirtschaft. Tesla besuchte das Realgymnasium in Karlstadt (Karlovac), wo er 1873 maturierte.
Nach einer schweren Krankheit, die ihn zwei Jahre zu Hause festhielt, entschied Tesla sich 1875, an der k.k. Technischen Hochschule in Graz zu studieren. Der Grund für Graz und nicht Wien oder Prag war finanzieller Natur: Tesla erhielt ein Stipendium von der Militärgrenzen-Verwaltung, das ausschließlich für eine Ausbildung in Graz galt. Die Wahl der Grazer Hochschule war also vom Stipendiumsgeber bestimmt, nicht von Teslas persönlicher Präferenz. Die TU Graz hat die Grazer Studienjahre Teslas im eigenen Buch „Nikola Tesla und die Technik in Graz" ausführlich dokumentiert; eine Kurzfassung bietet die Hauptseite der TU Graz auf TU Graz Blog: Tesla's time at TU Graz.
Die k.k. Technische Hochschule Graz
Die k.k. Technische Hochschule Graz (TH Graz) war 1811 von Erzherzog Johann als „Joanneum" gegründet worden und hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer vollwertigen Hochschule entwickelt. 1874, also ein Jahr bevor Tesla eintraf, wurde sie offiziell den anderen technischen Hochschulen des Habsburgerreichs (Wien, Prag, Brünn) gleichgestellt und mit dem Recht zur Promotion ausgestattet. Tesla war damit Student einer Institution, die gerade ihre moderne Form gefunden hatte. Das Hauptgebäude an der Rechbauerstraße 12 wurde zwischen 1887 und 1888 neu errichtet und von Kaiser Franz Joseph 1888 eröffnet - Teslas Zeit verbrachte er also noch im älteren Vorgängerbau, aber die Hochschule lag am selben Standort wie heute, im Stadtbezirk St. Leonhard.
Tesla schrieb sich im September 1875 an der Studienrichtung Maschinenbau ein, die damals auch die Grundlagen der Elektrotechnik umfasste - eine eigenständige Elektrotechnik-Disziplin existierte an der TH Graz noch nicht. Die Elektrotechnik wurde in den Physik-Vorlesungen abgehandelt, und der dafür zuständige Professor war Jakob Pöschl, geboren 1828 in Wien, gestorben 1907 in Graz. Pöschl war ein strenger Lehrer, aber seine Physik-Vorlesungen galten in der Hochschule als die intellektuell anspruchsvollsten.
Die erfolgreichen ersten Studienjahre
Im ersten Studienjahr erfüllte Tesla alle Erwartungen und übertraf sie sogar. Er arbeitete nach seinen eigenen späteren Angaben von drei Uhr morgens bis elf Uhr abends und bestand nach dem ersten Jahr neun Prüfungen - fast doppelt so viele wie die meisten Studierenden. Mit einer Ausnahme erhielt er in allen Prüfungen die Note „ausgezeichnet". Der Dekan der Maschinenbau-Fakultät verfasste einen schriftlichen Empfehlungsbrief an Teslas Vater, in dem er ihn als „Stern ersten Ranges" bezeichnete. Das zweite Studienjahr begann 1876 ähnlich erfolgreich.
In diesem zweiten Studienjahr (Wintersemester 1876/77) erlebte Tesla die Begegnung, die seine spätere Karriere prägen sollte. Professor Pöschl demonstrierte in einer Vorlesung eine Gramme-Maschine - ein Gleichstromgenerator mit einem mechanischen Umschalter, dem Kommutator. Die Maschine funktionierte, aber sie erzeugte beim Umschalten sichtbare Funken, was Tesla als ineffizient und unelegant empfand. Er stellte Pöschl die Frage, warum man den Kommutator nicht einfach weglassen und direkt mit Wechselstrom arbeiten könne. Pöschl erklärte ihm, das sei technisch unmöglich - Wechselstrom-Motoren könnten nach dem damaligen Stand der Wissenschaft nicht funktionieren, weil sich das Magnetfeld nicht gezielt steuern ließe.
Tesla akzeptierte die Antwort nicht. Er dachte in den folgenden Jahren immer wieder über die Frage nach und fand die Lösung 1881 in Budapest in der Form des Drehfeld-Prinzips: ein rotierendes Magnetfeld, das durch den zeitversetzten Einspeisen von mehreren Wechselstrom-Phasen entsteht. Auf diesem Prinzip basieren bis heute alle modernen Wechselstrom-Induktionsmotoren. Tesla selbst beschrieb die Grazer Vorlesung in seiner Autobiografie von 1919 als die ursprüngliche Inspiration zu seiner größten Erfindung.
Die Krise und der Studienabbruch
Das dritte Studienjahr 1877/78 wurde für Tesla zur Katastrophe. Er geriet in eine persönliche Krise, deren Ursachen in den Biografien bis heute nicht eindeutig geklärt sind: zu viel Arbeit, ein Konflikt mit Pöschl, finanzielle Probleme nach dem Wegfall des Stipendiums, möglicherweise auch ein Gambling-Problem (Karten- und Billardspiele). Am Ende des zweiten Jahres zog die Militärgrenzen-Verwaltung das Stipendium zurück, weil Tesla nach ihrer Einschätzung sein Studium nicht mehr planmäßig betrieb. Tesla blieb formal noch bis Ende 1878 eingeschrieben, schrieb aber keine Prüfungen mehr, besuchte keine Vorlesungen mehr regulär und verlor den Kontakt zu seinen Professoren.
Zwischen September und November 1878 verließ Tesla Graz endgültig - ohne Abschluss, ohne Diplom, ohne Abschied von seiner Familie in Gospić. Er reiste nach Maribor im damaligen Cisleithanien (heute Slowenien), wo er einige Monate lebte, bevor er 1879 nach Prag und 1881 nach Budapest ging. Teslas Vater starb während dieser Zeit, und Tesla selbst erkrankte 1881 schwer an einem Nervenzusammenbruch. Erst ab 1882 in Paris und dann 1884 in den USA begann die eigentliche Karriere, die ihn weltberühmt machte.
Was Tesla in Graz lernte
Trotz des Scheiterns des Studiums sind die drei Grazer Jahre für Teslas spätere Karriere zentral. Er erwarb ein solides Grundwissen in Mathematik, Analytischer Geometrie, Mechanik, Thermodynamik und experimenteller Physik. Er erlernte die deutsche Wissenschaftssprache, die ihn sein Leben lang prägte - seine späteren amerikanischen Kollegen beschrieben ihn als jemanden, der auch im Englischen deutsche Satzstrukturen benutzte. Er lernte die Praxis des wissenschaftlichen Experiments in den Labors der TH Graz kennen und sah zum ersten Mal in seinem Leben elektrische Maschinen in Betrieb. Und er formulierte die Frage, die ihn sein Leben lang beschäftigen sollte: Warum Wechselstrom nicht verwendet werden kann - und wie man es möglich machen könnte.
Aus heutiger Sicht ist die Gramme-Maschinen-Episode mit Pöschl die wichtigste Szene seiner Grazer Zeit. Aber sie wäre ohne den intellektuellen Kontext der TH Graz gar nicht möglich gewesen. Tesla verfügte über das technische und physikalische Vorwissen, um Pöschls Demonstration kritisch zu beurteilen - dieses Vorwissen hatte er in den ersten 18 Monaten seines Grazer Studiums erworben. In diesem Sinn ist Graz der Ort, an dem die Wechselstrom-Idee entstand, und zugleich der Ort, der sie überhaupt erst ermöglichte.
Die TU Graz heute und das Tesla-Erbe
Die heutige Technische Universität Graz führt das Erbe der k.k. Technischen Hochschule direkt fort. 1975 wurde sie von der „Technischen Hochschule Graz" in „Technische Universität Graz" umbenannt, und seit den 1990er Jahren gehört sie zu den wichtigsten technischen Universitäten Österreichs. Die TU Graz betreibt heute unter anderem das Institut für Hochspannungstechnik und Systemmanagement, dessen zentrale Anlagen im sogenannten „Nikola-Tesla-Labor" am Standort Inffeldgasse untergebracht sind. Das Labor ist dem berühmtesten ehemaligen Studenten der Hochschule gewidmet und wird für Forschung im Bereich Hochspannung, Isolationswerkstoffe und Energieübertragung genutzt.
Am Hauptgebäude der TU Graz in der Rechbauerstraße 12 erinnert eine Gedenktafel an Teslas Studienzeit. Die TU hat zum 160. Geburtstag Teslas 2016 und zum 140. Jahrestag seines Studienbeginns 2015 mehrere Ausstellungen, Vorträge und Publikationen organisiert. Das offizielle Buch „Tesla Nikola(us) und die Technik in Graz" ist im Verlag der TU Graz erschienen und dokumentiert die Zeit in allen verfügbaren Quellen. Es gilt als die aktuell beste deutschsprachige Darstellung der Grazer Episode in Teslas Leben. Ergänzend betreibt die TU Graz eine detaillierte Übersichtsseite zum Thema auf ihrem TU-Graz-News-Portal.
Teslas Leben nach Graz
| Jahr | Station | Ereignis |
|---|---|---|
| 1875 | Graz | Beginn des Studiums an der k.k. TH Graz |
| 1876/77 | Graz | Gramme-Maschinen-Dispute mit Professor Pöschl |
| 1878 | Graz | Ende des Stipendiums, Abbruch des Studiums |
| 1878-1879 | Maribor | Übergangsphase, keine feste Stelle |
| 1880 | Prag | Kurzer Universitätsaufenthalt |
| 1881 | Budapest | Arbeit als Telegrafen-Ingenieur, Durchbruch der Wechselstrom-Idee |
| 1882 | Paris | Anstellung bei der Continental Edison Company |
| 1884 | New York | Ankunft in Amerika, Zusammenarbeit mit Thomas Edison |
| 1888 | Pittsburgh | Verkauf der Wechselstrom-Patente an George Westinghouse |
| 1893 | Chicago | Weltausstellung, Sieg im „Krieg der Ströme" gegen Edison |
| 1943 | New York | Tod in Armut im Hotel New Yorker |
Tesla-Spuren in Graz
5 Orte mit Tesla-Bezug in Graz
- Hauptgebäude der TU Graz, Rechbauerstraße 12: Gedenktafel für Tesla am Eingang; historisches Gebäude von 1888. Führungen nach Anmeldung möglich.
- Nikola-Tesla-Labor, Inffeldgasse 18: Hochspannungslabor der TU Graz, benannt nach Tesla, für öffentliche Veranstaltungen gelegentlich zugänglich.
- Der Campus Alte Technik in St. Leonhard: Die historische Campus-Einheit, in der Tesla studiert hat; der Park und die Universitätsgebäude sind frei zugänglich.
- Verlag der TU Graz: Publikationsverkauf mit dem Band „Tesla Nikola(us) und die Technik in Graz" als zentrale wissenschaftliche Quelle.
- Das Joanneumsviertel - Museum für Geschichte: Gelegentliche Ausstellungen zur steirischen Wissenschaftsgeschichte mit Tesla-Bezug.
Der Tesla-Mythos und die historische Wirklichkeit
Tesla ist in der popkulturellen Gegenwart zu einer der meistzitierten Figuren der Technikgeschichte geworden - nicht zuletzt dank Elon Musks Automobilunternehmen, das seit 2003 seinen Namen trägt. Diese Popularität hat eine Mischung aus Wahrheit und Verklärung hervorgebracht: Tesla wird als „vergessenes Genie" stilisiert, als Erfinder praktisch der gesamten modernen Elektrotechnik, als Opfer von Edisons und Westinghouses Geschäftspraktiken. Die historische Wirklichkeit ist komplexer.
Tesla war zweifellos ein herausragender Ingenieur und Erfinder. Sein Drehfeld-Prinzip, seine Transformator-Designs, seine Arbeiten zur Hochspannungsübertragung sind historisch außer Zweifel. Aber er war auch ein schwieriger Mensch, ein schlechter Geschäftsmann, ein Visionär mit Phasen fehlgeleiteter Spekulation (etwa der „Wardenclyffe Tower"-Plan für die drahtlose Energieübertragung, der mehrere Millionen Dollar verschlang und am Ende nicht funktionierte). Die Grazer Jahre sind in diesem Bild ein wichtiger Teil, der oft übersehen wird: In Graz war Tesla nicht das Genie, das die Welt verändern wollte, sondern ein junger, überarbeiteter Student, der an seinen eigenen Ansprüchen zu zerbrechen drohte. Das Scheitern in Graz war die Grundlage für das spätere Gelingen anderswo.
Drei Jahre, die die moderne Welt mitprägten
Die Bilanz der Grazer Jahre ist paradox. Formal waren sie ein Misserfolg: Tesla schloss das Studium nicht ab, verlor sein Stipendium, verließ die Stadt ohne Abschied und ohne Diplom. In der Substanz waren sie der entscheidende Schritt: Hier entstand die Frage, die Tesla bis zu seiner Wechselstrom-Revolution begleiten sollte, hier erwarb er die mathematischen und physikalischen Werkzeuge, die seine spätere Erfindungskarriere überhaupt erst ermöglichten. Die Stadt Graz hat diese paradoxe Bilanz lange nicht offensiv in ihre Außendarstellung aufgenommen - anders als etwa Kepler, der in der Grazer Erinnerungskultur einen festen Platz hat, blieb Tesla jahrzehntelang eine Randfigur.
Seit etwa zwei Jahrzehnten ändert sich das. Die TU Graz hat Tesla aktiv in ihr Selbstverständnis aufgenommen, wissenschaftshistorische Publikationen erscheinen regelmäßig, und das Nikola-Tesla-Labor macht seinen Namen in der akademischen Welt präsent. Für Graz ist diese Wiederentdeckung eine Chance und eine Verpflichtung zugleich: Die Stadt kann sich zu Recht damit schmücken, dass einer der wichtigsten Erfinder der Moderne hier studiert hat - und sollte gleichzeitig die Komplexität dieser Geschichte bewahren. Tesla war kein Grazer und hat die Stadt nie zurück besucht, aber seine drei Grazer Jahre stehen am Anfang einer Entwicklung, die die moderne Welt mit elektrischem Strom durchdrungen hat. Das ist eine historische Verbindung, die Graz ernst nehmen darf, ohne sie zu überhöhen.