GRAZ JOURNAL

Der Grazer AK 1902: Geschichte, Titel, Comeback

Der Grazer AK 1902 ist der drittälteste Profiklub Österreichs. Das Meister-Double 2004, zwei Insolvenzen und der Wiederaufstieg in die Bundesliga 2024.

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Der Grazer AK 1902: Geschichte, Titel, Comeback

Die Gründung 1902 und die frühen Jahrzehnte

Der Grazer Athletiksport Klub wurde offiziell am 18. August 1902 in der steirischen Landeshauptstadt gegründet. Damit war er einer der ersten Klubs des organisierten Fußballs in Österreich außerhalb Wiens. Der vollständige Name - Athletik-Sport-Club - verrät, dass der Verein ursprünglich nicht ausschließlich ein Fußballklub war, sondern mehrere Sportdisziplinen pflegte. Leichtathletik, Boxen und andere Disziplinen gehörten in den ersten Jahrzehnten ebenso zum Vereinsprofil wie der Fußball. Durchgesetzt hat sich allerdings der Fußball, und heute steht der Klubname fast ausschließlich für die Rotjacken - so genannt wegen der traditionell roten Trikots. Eine ausführliche Chronik findet sich auf der offiziellen Vereinsseite des Grazer AK 1902.

In der Zwischenkriegszeit und den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war der GAK regelmäßig in der österreichischen Spitzenliga vertreten, ohne dabei in die absolute Spitze vorzustoßen. Die Rotjacken galten als seriöser, solide geführter Provinzverein, der gelegentlich in den Tabellenhälften auftauchte, ohne je den Wiener Dauerdominatoren ernsthaft gefährlich zu werden. Ein erster ÖFB-Cup-Sieg gelang dem Verein 1981. Dieser Cuptriumph, bis heute ein Fixpunkt in jeder GAK-Chronik, zeigte, dass der Klub bei einem einzelnen Turnier im gesamten österreichischen Fußball mitzuhalten wusste. In der Liga blieb der ganz große Wurf aber noch aus.

Der erste große Aufschwung: Die Ära Kartnig

Die Wende zum kompetitiven Spitzenklub begann in den späten 1980er- und 1990er-Jahren unter dem umstrittenen, aber äußerst erfolgreichen Präsidenten Hannes Kartnig. Kartnig, ein Grazer Unternehmer und Vereinsfunktionär, professionalisierte den Klub, investierte in Infrastruktur und Kader und machte den GAK finanziell und sportlich zu einem ernsthaften Konkurrenten der Wiener Klubs. 1997 zog der Verein in das neu errichtete Liebenauer Stadion (heute Merkur-Arena) ein, das er sich mit dem Stadtrivalen SK Sturm Graz teilte.

Der ÖFB-Cup kehrte in den Jahren 2000 und 2002 zurück an die Mur: Der GAK holte beide Pokale unter Trainern wie Klaus Augenthaler und Lars Söndergaard. Der Schlag, der den GAK vom guten Verein zum Meister machte, kam aber erst mit einer anderen Personalie.

Der Meistertitel 2004 unter Walter Schachner

Im Herbst 2002 übernahm Walter Schachner den GAK als Trainer. Der frühere Nationalspieler hatte zuvor als Spieler unter anderem bei Cesena, Torino und Avellino in der Serie A gespielt und stand in Italien in den 1980ern regelmäßig auf dem Platz. Als Trainer war er bekannt für klare Ansagen, einen direkten Fußball und eine hohe Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Er übernahm den Klub, als dieser auf dem vorletzten Tabellenplatz dümpelte, und brachte ihn innerhalb von anderthalb Jahren an die Spitze der österreichischen Bundesliga. 2002 wurde er zum Trainer des Jahres gewählt, 2004 bekam er die Auszeichnung ein zweites Mal.

In der Saison 2003/04 lief für den GAK alles nach Plan. Mit Spielern wie Mario Tokic, Roland Kollmann, Ilco Naumoski und Muhammad Al Ahmad wurde der Klub am Ende mit einem Punkt Vorsprung auf die Wiener Austria zum ersten österreichischen Meister in der Vereinsgeschichte. Den entscheidenden Schritt zur Meisterschaft machten die Rotjacken am 15. Mai 2004, als sie gegen Pasching 1:1 spielten (der Titel stand fest, weil Austria Wien gleichzeitig 1:4 gegen Mattersburg verlor). Kollmann wurde in dieser Saison mit 27 Toren Torschützenkönig der österreichischen Bundesliga. Acht Tage später, am 23. Mai 2004, gewann der Verein im Wals-Siezenheim-Stadion das Cupfinale gegen die Wiener Austria im Elfmeterschießen mit 5:4 nach einem dramatischen Verlauf (2:2 nach 90, 3:3 nach 120 Minuten). Damit war das Double perfekt. Eine detaillierte Zusammenfassung der Saison liefert der Artikel „Der Meister aller Klassen und mehr" auf grazerak.at.

Der Europacup und das Wunder von Anfield

Als Meister war der GAK in der Saison 2004/05 automatisch für die Qualifikation zur UEFA Champions League qualifiziert. In der dritten Qualifikationsrunde wurde man dem FC Liverpool zugelost - dem Traditionsklub von der Merseyside, der in der Saison davor den Pokal noch verpasst hatte und am Ende der Saison 2004/05 tatsächlich die Champions League gewinnen sollte. Das Hinspiel am 10. August 2004 in Graz verloren die Rotjacken mit 0:2. Damit schien das Duell entschieden.

Zwei Wochen später, am 24. August 2004, kam es an der Anfield Road zu einem der größten Auftritte eines österreichischen Klubs im europäischen Vereinsfußball. Der GAK gewann vor rund 40.000 Zuschauern 1:0 durch einen Treffer von Mario Tokic. Der Bosnier schoss das Tor, das bis zum späten Sieg von Red Bull Salzburg in Manchester City im Herbst 2018 als einziger Sieg eines österreichischen Klubs in einem englischen Stadion im Europacup galt. Die Rotjacken schieden durch die Gesamtwertung (2:1 für Liverpool) aus, aber sie hatten bewiesen, dass sie an einem guten Abend jedem Gegner gefährlich werden konnten. Liverpool verlor in dieser gesamten Champions-League-Saison kein weiteres Heimspiel auf dem Weg zum Titel - der einzige Heimrückschlag des späteren Siegers kam ausgerechnet gegen einen Steirer. Die Match-Details sind im UEFA-Archiv zu GAK gegen Liverpool 2004 dokumentiert.

Der Absturz: Insolvenzen 2007 und 2012

Der Aufstieg in die Spitze hatte seinen Preis. Die finanzielle Grundlage des GAK stand auf tönernen Füßen. Schon während der Saison 2006/07 zeigte sich, dass die Einnahmen und Kredite die Kaderkosten nicht mehr deckten. Im Frühjahr 2007 musste der Verein Insolvenz anmelden. Lizenzentzug, Zwangsabstieg, Kaderabbau - binnen weniger Wochen verlor der GAK alles, was er in den Jahren zuvor aufgebaut hatte.

Was folgte, war ein dunkles Jahrzehnt. Der Verein versuchte mehrmals, den Turnaround zu schaffen, stellte aber immer wieder Insolvenzanträge. 2012 folgte der endgültige Einschnitt: Nach dem vierten Insolvenzverfahren seit 2007 wurde der Profispielbetrieb am 29. Oktober 2012 eingestellt. Der Verein war sportlich tot, der Profifußball in Graz ab sofort allein Sache von Sturm.

Die Rettung kam aus der Fanbasis. Ein Grazer Unterstützerkreis gründete kurz darauf den Phönix-Klub unter dem Namen Grazer AC und meldete ihn ab der Saison 2013/14 in der untersten Grazer Amateurklasse an. Damit startete der Verein von ganz unten - sportlich und finanziell.

Der Wiederaufstieg: 2013 bis 2024

Der Weg zurück war lang und nicht linear. Von der neunten Liga (Grazer Stadtliga) stiegen die Rotjacken Jahr für Jahr auf. Die ersten Saisons verliefen fast reibungslos, weil der sportliche Abstand zur Konkurrenz in diesen Klassen enorm war. Mit jedem Aufstieg wurden die Duelle härter, mit jedem Aufstieg mehr Investitionen nötig. 2015 war der Verein bereits in der Regionalliga Mitte, ab 2022 in der zweiten Liga. Kopf dieser Wiederaufbauphase ab Dezember 2021 war Gernot Messner, der aus dem steirischen Trainerumfeld kam und dem Verein eine stabile taktische Handschrift verpasste.

Die Saison 2023/24 war schließlich die Krönung: Der GAK wurde mit zehn Punkten Vorsprung auf SV Ried Meister der zweiten Liga und stieg nach siebzehn Jahren Abwesenheit wieder in die österreichische Bundesliga auf. Ried verlor am entscheidenden Spieltag gegen Vienna, und der GAK konnte in der Merkur-Arena die Rückkehr in die höchste Spielklasse feiern. Die Fans im Bezirk Liebenau erlebten zum ersten Mal seit 2007 wieder ein Bundesliga-Heimspiel der Rotjacken. Die Szenen des Aufstiegs hat die Grazer Stadtzeitung meinbezirk.at mit einer ausführlichen Fotoserie dokumentiert.

Die Saison 2024/25: Schwieriger Neustart in der Bundesliga

Die Rückkehr in die Bundesliga war sportlich schwierig. Der Kader war neu zusammengestellt, das Budget blieb begrenzt, und die Gegner - Sturm Graz, Red Bull Salzburg, Rapid Wien, Austria Wien, LASK - spielten in einer anderen finanziellen Liga. Gernot Messner blieb zu Saisonbeginn Trainer, wurde aber nach zehn sieglosen Runden im Oktober 2024 von seinen Aufgaben entbunden. Als Nachfolger übernahm René Poms, den der Verein im Herbst 2024 als neuen Cheftrainer vorstellte. Auch Poms konnte den GAK nicht dauerhaft stabilisieren und wurde im März 2025 von seinen Aufgaben entbunden. Die sportliche Situation blieb bis zum Saisonende angespannt.

Die erste Begegnung mit dem SK Sturm Graz in der Bundesliga nach siebzehn Jahren fand in der Saison 2024/25 statt. Sturm gewann das erste Ligaderby mit 5:2, doch für die Anhänger beider Klubs war allein die Rückkehr des Derbys in die höchste Spielklasse ein emotionaler Moment, an den sich viele noch an die goldenen Jahre der 1990er und frühen 2000er erinnert sahen. Die Neuauflage des Grazer Stadtderbys in der Bundesliga bringt der Stadt zwei Profivereine zurück, die in direkter Konkurrenz zueinander stehen.

Die Fankurve und die Identität

Die Fanszene des GAK ist kleiner als jene des Stadtrivalen Sturm, aber über die Jahrzehnte treu geblieben. Die Heimkurve in der Merkur-Arena mit ihren roten Fahnen und Spruchbändern stand auch in den schwärzesten Jahren zwischen 2007 und 2015 zu ihrem Klub. Unterstützerkreise und Fanfonds finanzierten in den kritischen Phasen einzelne Positionen, trugen Anteile an der Infrastruktur oder halfen, Aufstiegsprämien zu sichern. Die Rückkehr in die Bundesliga ist in dieser Lesart auch ein Erfolg der Fans, die den Klub schlicht nicht haben sterben lassen.

Die Rivalität mit Sturm bleibt die definierende Konstante. Während Sturm in den vergangenen Jahren zum nationalen Titelkandidaten aufgestiegen ist und zweimal in Folge Meister wurde, bleibt der GAK der zweite Grazer Klub, der Mittelklassefußball auf hohem Niveau anbietet. Die Stadt selbst profitiert: zwei Profivereine im Stadtgebiet, die sich in derselben Arena gegenüberstehen, sind eine Konstellation, die es in Österreich derzeit nur einmal gibt.

Wappen, Farben und das Rot der Rotjacken

Die Vereinsfarben des GAK sind Rot, Weiß und Schwarz. Das traditionelle Heimtrikot ist rot, daher der Spitzname Rotjacken. Das Vereinswappen hat in den vergangenen 120 Jahren mehrere Varianten durchlaufen, das zentrale Schildmotiv mit dem Vereinskürzel GAK ist aber geblieben. Der Zusatz „1902" im offiziellen Namen erinnert an die Gründung und wurde nach dem Neustart 2013 bewusst beibehalten, um die historische Kontinuität zu den Meister-Jahren zu betonen. Aus juristischer Sicht ist der heutige Verein eine Neugründung, aus sportlicher und emotionaler Sicht die Fortsetzung der Geschichte, die im August 1902 begonnen hat.

Legenden und Spielerköpfe

Die Galerie der GAK-Legenden ist überschaubarer als jene des Stadtrivalen, aber in den Meisterjahren 2003/04 standen einige Spieler auf dem Platz, die für die Vereinsgeschichte bis heute wichtig sind. Roland Kollmann, Torschützenkönig und Penalty-Schütze gegen Pasching, wurde nach dem Titel Nationalspieler und wechselte später ins Ausland. Der kroatische Verteidiger Mario Tokic ist mit seinem Tor in Liverpool für immer im kollektiven Gedächtnis der österreichischen Fußballfans verankert. Dazu kamen Ilco Naumoski, Muhammad Al Ahmad und viele andere, die in der Saison 2003/04 die Rotjacken zum einzigen Meistertitel der Vereinsgeschichte trugen. Die Porträts dieser Spieler hat das Portal laola1.at im Rückblick auf die GAK-Meisterhelden zusammengestellt.

Die Grazer Derby-Kultur hat durch den Aufstieg 2024 einen zweiten Frühling bekommen. Ob der GAK es schafft, sich dauerhaft in der Bundesliga zu halten, wird über den weiteren Verlauf der Klubgeschichte entscheiden. Die Fans in der Stadt, die den Verein durch drei Insolvenzverfahren und mehr als ein Jahrzehnt in den Amateurklassen begleitet haben, sind jedenfalls bereit für eine neue Phase: Nicht mehr nur Kampf um die Existenz, sondern Kampf um die Punkte - jede Woche, in der höchsten österreichischen Spielklasse.

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