GRAZ JOURNAL

SK Sturm Graz: Der Klub, die Fans, der Mythos

Der SK Sturm Graz seit 1909: fünf Meistertitel, sieben Cupsiege, Champions League gegen Real Madrid - und eine Fankurve, die Österreich beachtet.

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SK Sturm Graz: Der Klub, die Fans, der Mythos

Die Gründung 1909 und die frühen Jahrzehnte

Der SK Sturm Graz wurde am 1. Mai 1909 in der steirischen Landeshauptstadt gegründet. In den Anfangsjahren war der Klub einer von mehreren Grazer Fußballvereinen, die in regionalen Ligen ihre Runden drehten. Die Vereinsfarben wurden früh festgelegt - Schwarz und Weiß - und das Wappen mit dem schwarzen Ring entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zum emotional aufgeladenen Symbol, das bis heute in jeder Fangesang-Strophe und jeder Choreografie der Südkurve vorkommt.

In den 1920er- und 1930er-Jahren war Sturm regelmäßig in der steirischen Spitze vertreten, blieb national aber lange ein Provinzklub. Die ersten Nachkriegsjahrzehnte brachten Höhen und Tiefen, Auf- und Abstiege, finanzielle Schwierigkeiten und sportliche Neustarts. Die Meisterschaft Österreichs war über Jahrzehnte fast ausschließlich unter den Wiener Klubs verteilt - Rapid, Austria und der FC Wien dominierten, später kam Austria Salzburg dazu. Für einen Grazer Titelträger fehlten lange die wirtschaftliche Substanz und das sportliche Umfeld.

Die Ära Osim: 1994 bis 2002

Als der frühere jugoslawische Nationaltrainer Ivica Osim im Juni 1994 durch den damaligen Sportchef Heinz Schilcher nach Graz geholt wurde, ahnte kaum jemand, dass der Verein gerade die erfolgreichste Phase seiner Geschichte betrat. Osim, 1941 in Sarajevo geboren, hatte zuvor die jugoslawische Nationalelf bei der WM 1990 ins Viertelfinale geführt. In Graz sollte er den Verein in den folgenden acht Jahren völlig umkrempeln. In 380 Pflichtspielen als Sturm-Trainer holte er zwei Meistertitel (1998, 1999), drei Cupsiege (1996, 1997, 1999) und qualifizierte den Klub dreimal für die Champions-League-Gruppenphase.

Das sportliche Herzstück dieser Ära war das sogenannte „Magische Dreieck" aus Ivica Vastic, Mario Haas und Hannes Reinmayr. Die drei offensiven Mittelfeld- und Sturmspieler erzielten unter Osim zusammen 315 Pflichtspieltore - Vastic allein 160, Haas 97, Reinmayr 58. Laut einem ausführlichen Rückblick im Magazin neuezeit.at habe Osim dem Trio alle Freiheiten gelassen und dafür mit Spielkultur belohnt worden sein, die in der österreichischen Bundesliga bis dahin kaum jemand aus einem Provinzverein erwartet hatte. Dazu kamen Spieler wie Gilbert Prilasnig, Darko Milanic, Imre Szabics und Markus Schopp, die den Klub über die Jahre prägten und teils später in europäischen Topligen auftauchten.

Der erste Meistertitel 1998 kam mit einem für österreichische Verhältnisse außergewöhnlichen Polster zustande: 81 Punkte Saisonendstand, 19 Punkte Vorsprung auf Rapid Wien. 1999 verteidigte Sturm den Titel, sicherte sich zusätzlich den ÖFB-Cup und den Supercup und schaffte damit das nationale Triple. Parallel dazu spielte der Klub auf europäischer Bühne eine Rolle, die in Österreich davor kaum ein Verein der Provinz erreicht hatte.

Champions League: 1998/99 und 2000/01

Die Teilnahme an der Champions-League-Gruppenphase 1998/99 gilt bis heute als eines der größten sportlichen Abenteuer im österreichischen Vereinsfußball. Sturm wurde in Gruppe C gelost - gemeinsam mit Real Madrid, Inter Mailand und Spartak Moskau. Der Auftakt war ernüchternd: 0:2 zu Hause gegen Spartak, 0:1 in Mailand, 1:6 in Madrid. Bei letzterem Spiel ging Sturm durch Ivica Vastic sogar in Führung, bevor Real zurückschlug. Im Rückspiel in Graz verlor Sturm 1:5 gegen die Madrilenen, holte dafür ein 0:0 in Moskau und verabschiedete sich nach einer 0:2-Niederlage gegen Inter aus der Gruppenphase. Der Eintrag in die Königsklasse ist dokumentiert beim UEFA-Archiv des Spiels gegen Real Madrid. Eine Zwischenrunde war damals nicht erreicht worden; die Gruppe war einmal und endgültig Endstation.

Zwei Jahre später, in der Saison 2000/01, gelang dann das, was bis heute als größter internationaler Erfolg eines österreichischen Klubs zählt: Sturm gewann in der ersten Gruppenphase seine Gruppe D vor Galatasaray Istanbul, den Glasgow Rangers und AS Monaco. Damit zog der Verein in die Zwischenrunde ein - die zweite Gruppenphase, in der die Klubs in neuen Vierergruppen gegeneinander antraten. Dieses Kunststück hatte in der österreichischen Klubgeschichte zuvor kein anderer Verein geschafft. Die Ergebnisse dieser Saison sind im laola1.at-Archiv nachvollziehbar.

2000er-Jahre: Insolvenz und Wiederaufbau

Nach dem Weggang Osims im Juni 2002 begann eine schwierige Phase. Sportlich wurde Sturm in der österreichischen Bundesliga schnell durchgereicht, finanziell drehte sich die Schraube in die falsche Richtung. 2007 folgte die schwerste Krise der Vereinsgeschichte: Sturm meldete Insolvenz an, die Profiabteilung stand vor dem Aus. Dass der Klub gerettet werden konnte, lag an einer Mischung aus Fan-Aktionen, neuen Investoren und finanzieller Solidarität aus der Stadt Graz. In den folgenden Jahren bauten Präsidentschaft und Sportvorstände den Verein Schritt für Schritt wieder auf - zuerst mit dem Ziel, die Liga zu halten, später mit klaren Meisterschaftsambitionen.

Der Lohn kam 2011: Unter dem deutschen Trainer Franco Foda holte Sturm den dritten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Das war sportlich ein Meilenstein, und gleichzeitig ein Signal, dass der Klub nach der Insolvenz wieder konkurrenzfähig war. Der Cupsieg 2010 war der erste nationale Titel nach elf Jahren - er fiel ebenfalls in die Foda-Ära.

Die zweite große Phase: Christian Ilzer und Jürgen Säumel

Der eigentliche Neustart an der Spitze des österreichischen Fußballs begann allerdings erst mit der Bestellung von Christian Ilzer im Jahr 2020. Ilzer, ein Steirer mit internationaler Trainerlizenz, hatte zuvor den WAC und die Wiener Austria trainiert und brachte in Graz ein System mit, das sich bewusst von dem vieler österreichischer Mittelfeldvereine unterschied: aggressives Pressing, hohe Laufleistung, strukturierter Spielaufbau. In seiner ersten vollen Saison landete Sturm auf Platz zwei, 2023 gewann der Verein den ÖFB-Cup, 2024 folgte das historische Double aus Meistertitel und Cupsieg.

Der Meistertitel 2024 war der erste seit 13 Jahren und brachte Sturm direkt zurück in die Champions-League-Ligaphase. Ilzer selbst blieb nur bis November 2024: Die TSG Hoffenheim holte ihn in die deutsche Bundesliga, wie der Klub damals in einer offiziellen Meldung von Hoffenheim bestätigte. Als Nachfolger wurde der langjährige Sturm-Spieler und Nachwuchstrainer Jürgen Säumel zur Chefsache befördert. Kaum jemand hätte zu diesem Zeitpunkt darauf gewettet, dass Säumel den Klub auch in der Folgesaison in der nationalen Spitze halten könnte.

Genau das passierte aber: Mit einem Unentschieden gegen den Wolfsberger AC am 24. Mai 2025 fixierte Säumels Mannschaft den Meistertitel in der Admiral Bundesliga und wiederholte damit den Triumph aus dem Vorjahr. Damit stand Sturm bei fünf Meistertiteln - 1998, 1999, 2011, 2024 und 2025 - und bei sieben ÖFB-Cup-Siegen: 1995/96, 1996/97, 1998/99, 2009/10, 2017/18, 2022/23 und 2023/24. In der Saison 2025/26 führt Säumel die Mannschaft als Titelverteidiger an; der aktuelle Stand im April 2026 ist eine Mannschaft, die nicht nur in Österreich, sondern in der Champions-League-Ligaphase eine Rolle spielt.

Die Merkur-Arena in Liebenau

Die Heimat von Sturm Graz liegt im Bezirk Liebenau am südöstlichen Stadtrand. Das heutige Stadion wurde zwischen 1995 und 1997 von der Architekturgemeinschaft Team A Graz geplant und errichtet und am 9. Juli 1997 mit einem Grazer Stadtderby zwischen GAK und Sturm (4:0 für Sturm) vor 15.400 Zuschauern eröffnet. In den ersten Jahren hieß es offiziell Liebenauer Stadion.

Bei seiner Eröffnung 1997 erhielt das Stadion den Namen „Arnold-Schwarzenegger-Stadion", benannt nach dem in Thal bei Graz geborenen ehemaligen Bodybuilder, Schauspieler und späteren Gouverneur von Kalifornien. Als Schwarzenegger im Dezember 2005 die Vollstreckung der Todesstrafe an Stanley Tookie Williams nicht verhinderte, entzündete sich in seiner Heimatstadt eine heftige Debatte. Schwarzenegger selbst zog der Stadt das Namensrecht zurück, und ab Februar 2006 hieß die Arena UPC-Arena, benannt nach dem Sponsor UPC (später Magenta). Seit März 2016 trägt das Stadion den Namen Merkur-Arena, nachdem die Merkur Versicherung die Namensrechte erworben hat. Die offizielle Kapazität liegt bei 15.400 Plätzen in 27 Sektoren; für internationale Spiele wurden in der Vergangenheit zusätzliche Tribünen eingebaut, so dass die Kapazität auf bis zu 16.000 Zuschauer stieg. Details zu den heutigen Nutzungsmöglichkeiten finden sich auf der Stadionseite der Messe Congress Graz (MCG), die das Stadion betreibt. Neben Sturm Graz trägt seit der Saison 2024/25 auch der in die Bundesliga aufgestiegene Grazer AK seine Heimspiele in der Merkur-Arena aus.

Die Fankurve: Jewels, Brigata, Sturmflut

Die Südkurve der Merkur-Arena gilt unter Beobachtern als eine der stärksten Fankurven Österreichs. Die beiden Gründungsgruppen der aktiven Fanszene sind die Jewels Sturm und die Brigata Graz, beide 1994 entstanden. Zwei Jahre später, 1996, kam die Grazer Sturmflut dazu. Alle drei Gruppen bilden bis heute das organisatorische Rückgrat der aktiven Fanszene. Sie sind in einem elfköpfigen Direttivo organisiert, dem vier Organisationseinheiten unterstellt sind: Support, Auswärtsfahrten, Events und das Medienprojekt SturmTifo.com. Den Aufbau und die Geschichte der Gruppen beschreibt das Fanportal Kollektiv 1909 detailliert. Der Name „Ultras Graz", der in einigen älteren Darstellungen zu lesen ist, bezieht sich nicht auf eine existierende Gruppe.

Charakteristisch für die Sturm-Kurve ist die Kombination aus akustischer Lautstärke und visueller Arbeit. Die Choreografien, die zu großen Spielen gegen Rapid Wien, Red Bull Salzburg oder internationale Gegner aufgezogen werden, gehören zu den aufwendigsten der österreichischen Bundesliga. Dass diese Arbeit ehrenamtlich und ohne Klubbudget geleistet wird, ist für die Selbstwahrnehmung der Kurve zentral.

Die Grazer Derbys und die Rivalitäten

Das traditionellste Grazer Stadtderby ist jenes zwischen Sturm und dem Grazer AK. Es wurde seit 1909 in unzähligen Auflagen gespielt und war in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren auf höchstem nationalem Niveau ausgetragen worden. Nach dem Absturz des GAK 2007 verschwand das Derby für siebzehn Jahre aus der obersten Spielklasse. Mit dem Wiederaufstieg des GAK in die Bundesliga im Sommer 2024 lebte die Begegnung wieder auf. Das erste reguläre Liga-Derby nach so langer Zeit endete für Sturm mit einem 5:2-Sieg und war sportlich eine klare Angelegenheit, emotional jedoch eines der Highlights der Saison.

Neben dem Stadtderby sind die Duelle mit Rapid Wien und Red Bull Salzburg die sportlich wichtigsten Spiele der Sturm-Saison. Gegen Rapid geht es traditionell um nationale Prestige, gegen Salzburg seit etwa 2005 um den Meistertitel. Genau diese Auseinandersetzung hat Sturm in den Saisons 2023/24 und 2024/25 erstmals seit Langem wieder gewonnen.

Wappen, Farben und Identität

Die schwarz-weißen Vereinsfarben sind seit den Anfangsjahren unverändert. Der schwarze Ring im Wappen ist das zentrale Symbol, das die Fans in Gesängen immer wieder aufgreifen: „Nur der SK Sturm" oder „Schwarzer Ring, schwarzer Ring" sind feste Bestandteile der Kurve. Das Maskottchen, ein schwarzer Panther, ist im Stadion bei Heimspielen präsent, spielt in der Fankommunikation aber eine untergeordnete Rolle gegenüber den klassischen Symbolen.

Der Klub selbst verwaltet unter der Marke „SK Sturm" heute mehrere Mannschaften: Profis, Amateure, Nachwuchs, Frauen- und Behindertenfußball. Das SK Sturm Graz Frauenteam spielt ebenfalls in der ersten Bundesliga. Die Akademie arbeitet eng mit der steirischen Landeshauptstadt und der AKA Steiermark zusammen, um Nachwuchsspieler wie den späteren Bundesligaspieler Otar Kiteishvili oder den tschechischen Internationalen Tomi Horvat zu formen, die später als Profis über den Verein hinaus bekannt wurden.

Kalender, Tickets und Besuch im Stadion

Wer ein Heimspiel in der Merkur-Arena besuchen will, kauft Tickets am einfachsten über die offizielle Vereinsseite. Heimspiele in der Bundesliga finden meist Samstag um 17 Uhr oder Sonntag um 14:30 und 17 Uhr statt, internationale Spiele dienstags oder mittwochs am Abend. Die Anreise zur Merkur-Arena ist per Straßenbahnlinie 4 und 6 (Haltestelle Murpark beziehungsweise Stadion Graz Liebenau) sowie mit dem Auto über die A2-Abfahrt Graz-Ost möglich. Die Parkplätze rund um das Stadion sind an Spieltagen begrenzt; der Klub empfiehlt die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, für die das Stadionticket an vielen Spieltagen gleichzeitig als Fahrschein in der Verbundlinie gilt.

In Derbywochen und bei Europa-League- oder Champions-League-Heimspielen sind die Tickets schnell ausverkauft. Dauerkartenbesitzer genießen Vorkaufsrecht, für freie Plätze wird über die Online-Plattform verkauft. Fans, die sich dem Verein langfristig verbunden fühlen wollen, können Mitglied werden; der Sturm-Fanklub hat laut Vereinsangaben aktuell mehrere tausend eingetragene Mitglieder, die an der Jahreshauptversammlung teilnehmen und den Vorstand mitwählen.

Sturm Graz heute

Der Klub, der 2007 kurz vor dem Aus stand, ist im April 2026 der erfolgreichste österreichische Verein der letzten zwei Spielzeiten. Zwei Meistertitel in Folge, die Champions-League-Ligaphase, ein stabiler Kader mit Mischung aus Eigenbauspielern und internationalen Zugängen, eine volle Fankurve und ein Stadion, das regelmäßig zwischen 12.000 und 15.000 Zuschauer anzieht - das ist die Bilanz unter Trainer Jürgen Säumel. In der steirischen Landeshauptstadt heißt Fußball derzeit fast deckungsgleich Sturm Graz, auch wenn der Grazer AK in der Bundesliga wieder dabei ist und die Derbys der Zukunft für Spannung sorgen sollten.

Wer den Verein in seinen eigenen Worten nachlesen will, findet auf der Seite des SK Sturm Hintergründe zur Geschichte - unter anderem den Nachruf auf Ivica Osim, der 2022 im Alter von 80 Jahren in Graz verstarb. Ohne ihn, das betonen Fans wie Funktionäre bis heute, wäre der Sturm, den man heute kennt, vermutlich nie entstanden.

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